Anarchie Ahoi!

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Die Zeiten, in denen Segeln nur ein Hobby für Reiche war, sind vorbei: In den USA haben ­Boatpunks das Leben auf dem Wasser für sich entdeckt. 

Jeden Tag um 18 Uhr, wenn die Sonne am südlichsten Punkt Floridas langsam ihrem Untergang entgegenstrebt, schwärmen sie aus – protzige Jachten, ehrwürdige Zweimaster und riesige Katamarane mit Countryband und Champagner an Bord. »Ladies and Gentlemen, it’s time for a sunset cruise!«, tönt es aus den Lautsprechern. Willkommen in Key West.

Auf der Rocksteady hingegen beginnt die Ausfahrt mit einer Warnung des Kapitäns: »Hey Leute, solange wir noch nüchtern sind, alle mal herhören: Die Schwimmwesten sind unten in der Kajüte, wir haben leider nicht für jeden eine. Die Sicherheitsleinen an Deck fehlen, und das Geländer hier ist zerbrochen, also aufpassen!« Dann macht der Kapitän die Leinen los und schnappt sich ein Dosenbier. An Bord seines zwölf Meter langen Einmasters: sechs Flaschen Rum, sechzig Dosen Bier, zwei Hunde, zwei Kinder und zwölf Freunde. Manche sind Punks, manche eher Hippies, manche Studenten, die auf dem Wasser ein Onlinestudium machen. Sie alle sind unter demselben Begriff bekannt: »Boatpunks«.

»Leute, solange wir noch nüchtern sind, alle mal herhören!«

In den USA haben die Boatpunks die Freiheit des Lebens auf dem Wasser für sich entdeckt. Mit ihren Booten fahren sie Flussufer und stillgelegte Häfen an oder ankern einfach irgendwo an der Küste. Die Zeiten, in denen Segeln nur ein Hobby für Reiche war, sind vorbei.

Als Tyler Bullock, der Kapitän der Rocksteady, vor zehn Jahren sein erstes eigenes Segelboot bezog, war er mit 22 Jahren und mindestens ebenso vielen Tattoos noch ein Exot unter den braun gebrannten Segelrentnern Floridas. Heute trifft er fast überall, wo er Anker wirft, Gleichgesinnte. Etwa 300 bis 400 Boatpunks schippern inzwischen vor Nord- und Mittelamerika umher. Warum? »Na, schau dich doch um«, sagt Tyler. Unter der Rocksteady glitzert der Golf von Mexiko in der Abendsonne. In der Ferne erheben sich zwei kleine Inseln wie Schildkrötenpanzer aus dem türkisfarbenen Wasser. Eine Brise weht vom Hafen herüber. Die Luxusjachten und Kreuzfahrtschiffe sind nah und doch in sicherer Entfernung – und mit ihnen das restliche Amerika oder, wie die Boatpunks sagen: »das System«.

»Für mich ist das Wasser ein Ort, an den man sich zurückziehen kann, wenn man mit der Art nicht klarkommt, wie diese Welt funktioniert.« So beschrieb Swoon, eine New Yorker Künstlerin, einmal die Faszination des Lebens auf dem Wasser. Mit ihren aus Müll, Schrott und Treibholz zusammengebastelten mehrstöckigen Flößen propagierten die 35-Jährige und eine dreißigköpfige Crew aus befreundeten Künstlern und Aussteigern dieses Leben – 2006 auf dem Mississippi, 2008 auf dem Hudson River. Ein Jahr später schipperte die Truppe dann mit ihren »Swimming Cities« von Slowenien nach Venedig zur Biennale. Ohne Einladung, versteht sich.

Die Flucht vor dem konventionellen Way of Life ist es auch, die die Boatpunks aufs Wasser treibt. Denn mit der Art, wie die Welt funktioniert, kamen die meisten von Tylers Freunden, die an diesem Abend auf der Rocksteady sind, nie wirklich klar. Viele ihrer Geschichten ähneln der von Tyler. Mit fünfzehn lief er von zu Hause weg, einem Kaff in Idaho, schmiss die Schule, schlief mal bei Freunden, mal auf der nächsten Parkbank, trampte durchs Land und nahm Drogen – »aus Langeweile«. Seit er achtzehn war, träumte er davon, mit einem Boot die Welt zu umfahren. Vier Jahre später nahm ein Italiener ihn und seine damalige Freundin auf seinem Segelboot mit nach Kolumbien. Wieder zurück, war ein Schweizer von Tylers Segelenthusiasmus so angetan, dass er ihm sein renovierungsbedürftiges Boot für 1000 Dollar überließ. Von nun an drehte sich in Tylers Leben alles um das elektrische Innenleben seines Boots, den richtigen Kielanstrich und die Reparatur der Wasserpumpe an Bord. »Ich hatte ja keine Ahnung von Segelbooten. Ich wusste nur, dass ich ziemlich viel reparieren muss.«

Nach Monaten im Trockendock war die Rocksteady bereit fürs Wasser, für die große Freiheit. Seitdem segelt Tyler zwischen Florida, Haiti, Honduras, den Bahamas, Mexiko, Belize und New York hin und her. Morgen will er mit vier Freunden in Richtung Kuba aufbrechen.

Gebrauchte Boote sind in den USA so billig wie nie

Deshalb also heute Abend diese Abschieds-Cruise. Auch, um zu testen, ob der Motor funktioniert. Drei Stunden haben sie ihn am Nachmittag repariert. Die Rocksteady ist eigentlich nur Tylers Ersatzboot. Auf seinem Hauptboot, der En Cavale, brach ein Sturm den Mast. Bevor er sich einen neuen leisten kann, muss Tyler erst mal wieder jobben gehen. Meistens verdient er sein Geld als Christbaumverkäufer in New York oder als Hilfskraft auf einer Forschungsstation in der Arktis. Mindestens 2000 Dollar wird er für die Reparatur brauchen – wenn er nicht gleich ein neues Boot kauft. Denn gebrauchte Boote sind in den USA zurzeit so billig wie nie. Wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise können sich viele Amerikaner teure Extras nicht mehr leisten. Für Schleuderpreise verkaufen sie ihre Boote über das Kleinanzeigenportal Craigslist. In Floridas Jachthäfen füllen ältere und herrenlose Boote inzwischen ganze Docks. Sie werden versteigert, manchmal sogar verschenkt. Hauptsache, weg damit.

Auch das Leben auf dem Wasser ist wesentlich billiger als an Land – zumindest wenn das Boot nicht Hobby, sondern Hauptwohnsitz ist und man statt im Jachthafen einfach vor der Küste ankert. Mit zwei, drei Monaten Arbeit im Jahr kommt Tyler meistens über die Runden. Das macht seinen Lebensstil auch in Städten attraktiv, in denen die Mieten in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. New York etwa ist mit seiner Insellage geradezu prädestiniert für das Leben auf dem Wasser. Ob Hudson River, East River oder Jamaica Bay – hier findet man, was man sonst in New York vergeblich sucht: Platz. Und Stille.

Duke Riley geht deshalb aufs Wasser, so oft er kann. Gut ein halbes Dutzend Kajaks, Ruder-, Schlauch- und Segelboote hat er in New Yorks Gewässern versteckt. Lange hat der 40-jährige Tätowierer seine Wohnung im Stadtteil Red Hook untervermietet und ganz auf dem Wasser gelebt. »New York ist ein Archipel, auf dem acht Millionen Menschen wohnen, aber wenn man auf dem Wasser unterwegs ist, begegnet man keiner Menschenseele. Es kommt einem vor, als ob 7 999 999 Menschen entschieden hätten, heute lieber zu Hause zu bleiben.« Entsprechend groß ist das Aufsehen, wenn Duke sich mit seinen Booten oder selbst gebauten Flößen aufs Wasser begibt. Besorgte New Yorker alarmieren dann die Polizei. Rückt sie aus, ist die Unterhaltung stets die gleiche:

»Sir, wir haben in den letzten zwanzig Minuten 25 Anrufe erhalten. Sie dürfen nicht hier draußen sein.«
»Warum nicht? Mein Boot hat keinen Motor, es ist nicht genehmigungspflichtig.«
»Sie sollten trotzdem nicht hier draußen sein.«
»Aber sollen ist nicht das Gleiche wie dürfen.«
Meistens lassen sie ihn dann weiterfahren. Auf dem Wasser, so scheint es, vertragen sich Staatsmacht und Anarchos besser als an Land.

Kürzlich fischten sie einen Freund tot aus dem Meer

Auch vor Key West existieren Boatpunks und eine der größten Küstenwachen der USA in friedlicher Nachbarschaft. »Wir geben uns Mühe, uns an die Regeln zu halten«, sagt Stacie Safford, 27, an Bord der Liquid Courage. Manchmal gelingt das nicht, vor allem das mit dem Alkoholverzicht am Steuer fällt vielen schwer – wie der Schiffsname schon vermuten lässt. Ärger mit der Polizei und der Küstenwache gibt es trotzdem selten. »Für mich ist die Küstenwache eher eine Art Feuerwehr. Wer weiß, wann wir noch mal ihre Hilfe brauchen«, sagt Ryan, 36, Stacies Freund. Erst kürzlich haben sie einen ihrer Freunde tot aus dem Meer gefischt. Wie er starb, wurde nicht geklärt.

Als Ryan von dem Unglück erzählt, nimmt er Stacie in den Arm. Vor drei Monaten begegneten sich der Schlagzeuger einer Punkband und die Kajak- und Kletterführerin im Hafen von Key West. Stacie sagt, es war Liebe auf den ersten Blick. Jetzt leben sie zusammen mit ihren zwei Hunden auf Ryans acht Meter langem Segelboot – ohne Dusche, ohne Kühlschrank, ohne Klimaanlage. Ein grüner Ventilator ist die einzige Abhilfe gegen die brennend heiße Luft, die im Sommer durch die kleine Kajüte wabert. Neben dem Gaskocher steht ein voller Aschenbecher, überall kleben Hundehaare. Um den Tieren Auslauf zu verschaffen, müssen die beiden sie im Kajak zwanzig Minuten an Land paddeln. Mit dem Dingi bräuchten sie fünf Minuten, aber der Motor des Beiboots ist gerade mal wieder kaputt. Trotzdem sagt Stacie: »Ich bin glücklich hier.«

Später dann, beim Abendessen auf dem Boot ihres Nachbarn – der Segelrentner ist zwar kein »Yardie« (Segler mit Liegeplatz im Hafen), aber immerhin Besitzer eines gepflegten Zweimasters –, erzählt Stacie von ihrem früheren Leben in Los Angeles. Es ist eine wechselhafte Biografie: erst pinkschwarze Haare, fünfzehn Piercings und Auszug mit sechzehn. Dann ein lukrativer Job bei einer Filmfirma, ein roter Camaro-Sportwagen und ein Sportstudium. »Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal aus L.A. wegziehe«, sagt sie. Doch mit Anfang zwanzig erhielt sie die Diagnose Eierstockkrebs. Drei Mal wurde sie operiert, zwei Mal kam der Krebs wieder. Auf ihre Hüfte ließ sie sich tätowieren: »This too will pass« – auch das wird vorübergehen. Nach der letzten OP vor vier Jahren beschloss sie, dass sich etwas ändern müsse. Sie zog nach Key West, in die liberale Kleinstadt, in deren Straßen die Hühner frei herumlaufen, jobbte in einer Bäckerei und als Köchin auf einem Zweimaster. Vor zwei Jahren dann tauschte sie ihr 1000-Dollar-WG-Zimmer gegen ein Segelboot, das sie sich von ihrem Ersparten kaufte. »Am Anfang habe ich mich oft ganz schön einsam gefühlt, so allein auf dem Wasser. Vor allem abends.« Aber inzwischen hat sie viele Freunde gefunden. Und natürlich Ryan.

Noch leben sie von ihrem Ersparten. Ryan angelt, Stacie kocht, beide lesen viel. 300 Dollar, mehr brauchen sie im Monat nicht – zusammen, Hundefutter inklusive. Früher hatte Stacie Schuhe, die das Doppelte kosteten. Was fehlt? »Ein Schaumbad!«, ruft Stacie, ohne zu überlegen. Immerhin hat sie nun ein Shampoo gefunden, das auch mit Salzwasser schäumt. Ryan sagt, ihm fehle am meisten seine Band. Bald wollen Stacie und Ryan zusammen nach Tonga segeln. Doch erst mal muss Ryan segeln lernen. Dafür ist er extra aus Kalifornien nach Key West gekommen. So wie viele andere. Weil Tyler Bullock so viele Mails von Freunden von Freunden von Freunden erhielt, die ebenfalls segeln lernen wollten, organisierte er im vergangenen Jahr einen Segelkurs für Boatpunks. Zusammen mit sechs anderen Booten und deren Bewohnern fand er auf dem Rio Dulce in Guatemala einen sicheren Ort für die Hurrikansaison. Zwei Wochen lang brachten er und seine Freunde siebzig Anfängern das Segeln bei – und dass nicht alle »Yardies« Arschlöcher sind. »Mir ist irgendwann klar geworden, dass meine Peergroup entweder drogenabhängige Punks oder Rentner sind«, sagt Tyler. Seitdem tut er etwas für die Vermehrung seiner Art. Der nächste Segelkurs in Puerto Rico ist schon geplant. Tylers neuestes Projekt: die Info- und Austauschseite boatpunk.com.

Außerdem berät er Neueinsteiger beim Bootskauf. »Elf Meter ist eine gute Größe. Am günstigsten sind die Boote nach der Hurrikansaison. Und am Anfang empfehle ich einen Motor, zur Sicherheit.« Dann kann man leichter manövrieren, wenn man von Piraten überfallen wird. Auch das ist Tyler schon passiert, vor Haiti. Wenig später, gleich nach dem Erdbeben, segelte er trotzdem wieder hin, mit Nahrungsmitteln für die Opfer.

Am nächsten Morgen bricht die Rocksteady in Richtung Kuba auf. 24 Stunden wird sie für die neunzig Meilen brauchen – wenn alles gut geht und der Wind bläst.

Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom August 2013 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es außerdem auch digital in der NEON-App.

Ann-Kathrin Eckardt
Ann-Kathrin Eckardt schreibt ihre Texte am liebsten draußen und mit viel Schokolade.
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