Jetzt mal im Ernst

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Wieso wir dringend einen Weg aus der Dauerironie finden sollten.

Ein Interview mit Nora Tschirner brachte das ganze Dilemma auf den Punkt. Darin ging es um Tschirners Engagement beim Weimarer »Tatort«, der Ende 2013 ausgestrahlt werden soll. Auf die durchaus berechtigte Frage, ob sie darin – wie Til Schweiger – Stunts haben werde, antwortete sie: »Es wird krass aktiv.« Also ja. »Ich schubse viel.« Also nein. »Weimar ist ein superheißes Pflaster. Das musst du einfach in den Actionszenen repräsentativ darstellen.« Also ja. Ergibt: ja – nein – ja. Und das sind nur die Deutungsmöglichkeiten, wenn man die Antworten wörtlich verstehen möchte. Und nicht darüber nachdenkt, dass Nora Tschirner – was die Formulierungen ja durchaus hergeben – alles nur ironisch meinte, also das Gegenteil sagen wollte.

Es scheint, als wisse Tschirner selbst nicht so genau, wie sie sich in dem komplexen Geflecht zum eigentlich kreuzbiederen »Tatort« verhalten solle. Denn der wiederum verdankt seinen (relativ neuen) Kultstatus ja selbst einer ironischen Annäherung seitens der Jüngeren – superspießig, klar, aber auch irgendwie witzig. Über Tschirners verbale Pirouetten hat sich der »Playboy« in einer Bildunterschrift lustig gemacht: »Wie kriegt man Nora Tschirner rum? Mit (…) Ironie und Ehrlichkeit. Das widerspricht sich leider. Es ist also kompliziert.« Allerdings.

Man kann in letzter Zeit eigentlich überall das »Tschirner-Paradox« beobachten: Es macht den Anschein, als erfahre man etwas, in Wirklichkeit handelt es sich aber um eine witzig anmutende Nichtkommunikation. Überall doppelte und dreifache Ironievolten, die in komplette Aussagelosigkeit münden. Das Problem ist keineswegs die Ironie an sich, sondern ihre Permanenz und ihre Überdrehung. Diese »Dauerironie« schafft zwar tatsächlich eine Atmosphäre, in der stets die nächste Pointe in der Luft hängt; es ist aber keine klare Ironie, bei der man mit einem süffisanten Tonfall erkennbar das Gegenteil dessen meint, was man sagt: »Peter Altmaier ist der schönste Mann, den ich je gesehen habe.« Es sind zwei Dinge passiert: Der ironische Tonfall ist deutlich weiter verbreitet als früher. Durch diese Allgegenwart ist aber nicht mehr klar, ob das Gesagte jetzt wirklich ironisch gemeint ist oder ob der Tonfall nur angeschlagen wird, weil es alle machen und er so hübsch klingt: »Peter Altmaier hat ja schon was Animalisches.« Zweitens will sich das Gegenüber nicht mehr die Blöße geben, eventuell als humorloser Depp dazustehen, also fragen die meisten nie nach, ob etwas nun ironisch gemeint war oder nicht. Stattdessen parieren sie mit einer Aussage, die ebenfalls ironisch klingt und ebenfalls genauso gut ernst gemeint sein könnte: »Ja, nur Guttenberg ist noch männlicher.« So hat man immer eine Hintertür offen, um ohne Gesichtsverlust aus etwas herauszukommen, das wie ein Gespräch aussieht.

Die »Dauerironie« ist also obendrein eine Art multipler Ironie, bei der es gar kein Teil mehr gibt, dessen Gegenteil man vorgibt zu meinen; es gibt nur noch Gegenteil und Gegenteil und so weiter, egal, welcher Meinung man tatsächlich ist – sofern man sie selbst noch kennt. Multiple Ironie, das klingt nicht nur zufällig nach einer Krankheit. Sie lässt sich in allen Bereichen beobachten: Im Club tanzt man nicht drauflos, mit Verve und Leidenschaft und vollem Risiko, sich zu blamieren.

Stattdessen ahmt man mit einer inneren Distanz nur nach, wie die eigenen Eltern früher mal getanzt haben. Retrostyle, extra hässlich, hihi: Staying alive! In den Charts trällert Heino »Junge, und wie du wieder aussiehst« – was gar nicht weiter auffiele, wenn sich Die Ärzte im Original nicht gerade über die Geisteshaltung solcher Spießer wie Heino lustig machen würden. Heino erhebt sich wiederum über Die Ärzte, indem er deren Text annektiert. Bei so vielen Ironieebenen – das Publikum noch nicht mitgerechnet – nähert man sich rasant einer Aussagekraft von null an (was auch den großen Mainstreamerfolg erklärt).

Vermutlich ist inzwischen auch dem Letzten aufgefallen, dass die aktuelle Kleidermode eine Antimode ist, die sich ironisch alter Stile bedient.

Auch hier die mehrfache ironische Volte: Der Hipster trägt mit innerer Distanz und Augenzwinkern Kleidung auf, die cool erscheint, weil sie hässlich ist. Inzwischen ist allerdings selbst die Verarsche dessen en vogue, das Hipster-Bashing. Kommt noch wer mit?

Es ist, als würde ein Eiskunstläufer abspringen, mehrfach um seine eigene Achse durch die Luft wirbeln, sich über die anderen erheben – als wäre ihm egal, ob er sicher und vernünftig landet oder auf die Schnauze fällt.
Hauptsache, die Pirouetten waren schön.

Das Problem ist nur: Wir alle sind manchmal Nora Tschirners – unfähig, in aller Ernsthaftigkeit zu dem zu stehen, was wir sagen wollen. Etwa, wenn man einen Kollegen kritisieren möchte, weil er eine Idee geklaut und als seine ausgegeben hat. In solchen Situationen überlegt man einen halben Tag, ob man hingehen soll oder ob das nicht wahnsinnig kleinkariert wäre. Wagt man es, kann es gut passieren, dass das Gegenüber nur schulterzuckend sagt: »Meinst du das eigentlich ernst?« Kurioserweise ist man, obwohl man es natürlich bitterernst meint, dann doch kurz davor, es abzutun, auf ironisch zu schalten: Haha, i wo, natürlich nicht! Erfahrungsgemäß ist eine Antwort wie »Ja klar meine ich das ernst!« so ungewöhnlich, dass das Gegenüber erst mal baff ist. Und zurückrudert. Ironisch.

Woher kommt dieser Reflex, cool bleiben zu wollen, sich nicht verletzbar zu zeigen, ja keine Gefühle zu zeigen? Wieso tun wir uns auf einmal so schwer, einfach zu unserer Meinung zu stehen, völlig ernst? Und witzeln stattdessen aus sicherer innerer Entfernung alle Konflikte und Standpunkte weg? Es ist so, als lehnten wir im Club lieber lässig am Tresen – lästernd, witzelnd und cool -, statt uns einfach in die schwitzende Menge zu stürzen. Vielleicht liegt die Ursache darin, dass es in einer schwer zu durchschauenden Welt immer schwieriger wird, sich klug zu positionieren. Vielleicht ist es auch der Umstand, dass jede Blamage und Fehleinschätzung sichtbar wird und bleibt.
Nicht nur, aber besonders schön lässt sich das Wischiwaschidilemma auf Facebook beobachten. Dort werden gerne und häufig Onlineartikel geteilt – ohne dass derjenige seine Meinung dazu kundtun würde. Stattdessen wird der lustigste Satz herausgepickt. Die Folge: Man weiß nicht, ob derjenige die Auffassung des Textes nun teilt oder eben gerade nicht.

Noch absurder ist dann die Arie derer, die den Link/den lustigen Satz/ ja, was eigentlich? liken. Das erinnert an einen Gag, der neulich auf Facebook umging. Die Frage lautete, welche Erfindung jemandem aus den Fünfzigern am schwierigsten zu erklären wäre. Die Antwort: »dass ich ein Gerät in meiner Hosentasche habe, mit dem ich das gesamte Weltwissen abrufen könnte, und mir stattdessen Katzenvideos ansehe.« Das bringt es ganz gut auf den Punkt: Wir hätten die Möglichkeit, uns weltweit mit anderen schnell auszutauschen, zu debattieren, uns auszudrücken, zu duellieren – und stattdessen verstecken wir uns unter einem Teppich, geknüpft aus billigen Pointen und Witzeleien. Angst vor Shitstorms?
Come on!

Der französische Résistancekämpfer und Essayist Stéphane Hessel landete 2010 überraschend einen weltweiten Bestseller mit dem dünnen Bändchen »Empört Euch!«. So weit müsste man ja gar nicht gehen. »Artikuliert Euch!« würde reichen. Hauptsache, die Ironiekapriolen nähmen ein Ende. Wir brauchen dringend eine neue Ernsthaftigkeit.
Mehr Klarheit. Mehr Leidenschaft. Mehr Standfestigkeit. Die ernst gemeinte Aussage ist nötig, damit Ironie überhaupt wirken kann; erst mal muss ja klar sein, wofür jemand steht, bevor man über vermeintlich ironische Bemerkungen lachen kann.

Doch der neueste rhetorische Kniff könnte einen Weg zurück zur Ernsthaftigkeit weisen. Wenn man etwas Provokatives sagt, etwa »Bunte Schlaghosen finde ich total gut«, wartet man einfach ein paar Sekunden (innerlich amüsiert, äußerlich cool), wie das irritierte Gegenüber darauf reagiert. Um sicherzugehen, dass man nicht missverstanden wird, muss man dann nur noch »not!« sagen. Das »April, April« des Hipsters. Man kann auch »nicht!« sagen, etwa: »Ich würde gerne in Venedig heiraten … nicht!« Man tut dann erst so, als würde man alles ironisch meinen, bevor der Satz am Ende unmissverständlich ernst wird. Es scheint absurd, aber diese mehrfach gebrochene Ironie wird gerade zu einem Vehikel, um sich wieder klar auszudrücken.

Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom Juli 2013 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es außerdem auch digital in der NEON-App.

Nora Reinhardt
Nora Reinhardt ist Textredakteurin und betreut die schöne NEON-Rubrik »Unnützes Wissen«. Ihr Lieblingspunkt? Dass männliche Fruchtfliegen mehr Alkohol trinken, wenn sie keinen Erfolg bei Weibchen haben.
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