Gelobtes Land?

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Vor fünf Jahre habe ich eine Reportage über afghanische Flüchtlinge geschrieben, die nach einer endlosen Odyssee in Griechenland festsitzen und für den Trip über das Mittelmeer nach Deutschland, Frankreich und Skandinavien ihr Leben riskieren. Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Und doch habe ich, wenn ich die Nachrichten über die toten Flüchtlinge lese, die in diesen Tagen auf Lampedusa angeschwemmt werden, die Debatte über die Festung Europa verfolge, das Gefühl, dass sich nichts geändert hat. Zumindest nicht zum Besseren. Was man ja immer vergisst, ist, dass die Flüchtlinge zwar manchmal Europa erreichen – in Sicherheit sind sie deshalb aber noch lange nicht. Das habe ich von Ali, dem frechen Farid und dem Philosophen gelernt. Dies ist ihre Geschichte.

Weil Ali Alweerad* dachte, er werde seine Hände noch gebrauchen können, hat er sich die Finger nicht zerschnitten auf der Insel Chios, aber heute denkt er, dass das vielleicht ein Fehler war. Zu zweit saßen sie in der Polizeistation. Den anderen kannte Ali nicht beim Namen, im Schlauchboot war keine Zeit gewesen zum Reden. Auf dem Tisch neben ihnen stand ein Aschenbecher, einer aus Glas. Als die Beamten, deren Sprache die beiden Männer nicht verstanden, aus dem Zimmer gingen, nahm der andere den Aschenbecher und warf ihn auf den Steinboden.

Schnell, schnell, flüsterte er, sie wollen unsere Fingerabdrücke, nahm eine große Scherbe in die rechte Hand und begann, sich in die Fingerkuppen zu schneiden. So lange, bis nur noch das Fleisch zu sehen war und dann nahm er die blutige Scherbe in die offene linke Hand und zerschnitt auch die Finger der rechten. Vom Daumen angefangen, einen nach dem anderen. Jetzt erst schrie er vor Schmerz, und die Beamten standen wieder im Raum und auch sie brüllten.

Dem anderen haben sie gleich die Hände verbunden und ihn später weggebracht, Ali hat ihn nie wiedergesehen, nur sein Blut, das war noch überall verteilt. Ali starrte auf das Blut, und einer der Beamten starrte auf Ali, sie hatten wohl Angst, auch der Zweite, den sie aus dem Meer gefischt hatten, würde durchdrehen.

So war das also in Europa, und Ali Alweerad war froh, endlich angekommen zu sein.

Kleine Wasserflaschen, zehn Euro das Stück

Zwei Monate zuvor hatte er sein Heimatdorf im Hindukusch nahe der afghanischen Hauptstadt Kabul verlassen, 25 Jahre alt, Ingenieur ohne Arbeit. Die Nachbarn hatten ihm gedroht, Ali, heirate eine Frau! Ali, du machst deinen toten Eltern Schande! Kämpfe wenigstens gegen die Besatzer, Ali, du Mann ohne Frau! Alis Geschwister waren schon nach Pakistan geflohen. Also hatte Ali das geerbte Haus verkauft. Bei den Nachbarn noch Geld geliehen. Die zwölftausend Dollar auf das Konto überwiesen, auf das alle überwiesen, wenn sie bereit waren zu gehen. Ali hatte hinter Körben mit Brennholz gesessen, in einem Transporter. Als er ausstieg und endlich wieder Licht sah, da war er im Iran. Dann marschierten sie zu zehnt über die Berge in Richtung Türkei, zwei Aufpasser trieben sie an. Kurden beschossen die Gruppe zunächst, später verkauften sie den erschöpften Männern kleine Plastikflaschen mit Wasser für zehn Dollar das Stück.

Als das Geld nicht mehr reichte, hat Ali Alweerad in einem staubigen Dorf im Norden der Türkei Straßen zementiert. Als es wieder reichte, sagte man ihm, er solle am nächsten Tag in einen Laster steigen. Zu fünfzehnt kauerten sie in einer großen Kiste, viele Stunden lang oder Tage, ohne Wasser, ohne Toilette. Im türkischen Izmir wartete der Dicke, den sie Jay nannten. Der dicke Jay fuhr sie mit einem Kleinbus zum Strand. Es sei nicht weit über die Ägäis, auch nicht mit einem Schlauchboot.

Aber wenn die Griechen eure Finger kriegen, sagte Jay, dann ist es vorbei, gebt ihnen niemals eure Finger. Doch an diesem ersten Abend in Griechenland kriegten sie Alis unversehrte Finger, sie drückten jeden einzelnen auf das Stempelkissen. »Sie haben deine Finger?«, fragt der Philosoph und er schaut, als wäre das keine gute Nachricht, »wusste ich gar nicht.« Ali Alweerad haut dem Philosophen auf die Schulter und sagt, er könne die ganze Geschichte gerne noch einmal von vorne erzählen, Zeit genug hätten sie ja.

So beginnt ein neuer Tag im Lager. Der Philosoph gibt Ali eines der hart gekochten Eier, die sie hier alle essen, weil sie billig sind und weil die Afghanen sagen, dass harte Eier auch hart machen. Wie sie da sitzen, draußen auf dem alten Sofa im Staub, im ersten Sonnenlicht, Ali Alweerad und der, den sie Philosoph nennen, sehen sie nicht aus wie zwei, die das gleiche Schicksal vereint. Der Philosoph trägt wieder die graue Jogginghose, an seinen nackten Füßen zwei verschiedene Schlappen. Die Daunenjacke scheint zu schwer für seinen müden Körper. Immerzu muss der Philosoph sich an den Armen kratzen, der trockene, rote Ausschlag hat sich in der Nacht bis zu den Händen ausgebreitet, und der Philosoph weiß nicht, warum. Krankheiten übertragen sich schnell im Lager, das den Namen Lager nicht verdient, weil es nur ein schlammiges Baugelände ist mit Hütten aus Pappe und Spanholz, ohne fließend Wasser. Rund tausend Afghanen leben hier, ausschließlich Männer, weil nur die Männer die Kraft haben für die Reise und den Überlebenskampf in Europa. Ali sagt, der Philosoph solle aufhören, so gequält zu gucken, das mache ihn noch verrückt.

Lachen ist verboten. Man ist ja nicht zum Spaß hier

Auch am Ende dieses Satzes lacht Ali hustend, wie er immer lacht, egal wovon er redet, er lacht und hustet so laut, als bringe ihm dieser Tag mehr als nur traurige Routine. Ali könnte Kricket oder Fußball oder Murmeln spielen wie die anderen Männer im Camp, mehr gibt es nicht zu tun. Die Haare hat Ali fein säuberlich aufgestellt, er trägt ein Sweat shirt, das seinen trainierten Körper betont, und darüber seine Camouflage-Sportjacke. Der Philosoph sagt zu Ali Alweerad: Ali, du siehst so fesch aus, als hättest du heute Abend noch etwas vor. Ali prustet, und ob, er gehe heute Abend auf eine Kreuzfahrt. Seid nicht albern, sagt da der Hüne, der aus der Nachbarhütte schaut, sonst denkt man noch, wir seien gerne hier.

Hier, das heißt dort, wo Flüchtlinge wie Ali Alweerad früher oder später landen, in Patras, hinter den großen Bäumen am Rande der Straße Iroon Polytechniu, die am Meer entlang zum Hafen führt. Ali bekam nach seiner Festnahme auf Chios ein Fährticket nach Athen. Dorthin schicken die griechischen Behörden alle, die sie nicht länger ins Gefängnis schicken können, als Wohnort wird Omonia notiert, ein großer Platz im Zentrum. So wurde Ali obdachlos, und ein Pakistani riet ihm, er solle doch nach Patras, denn Patras, eine der wichtigsten Hafenstädte des Landes, etwa 180 Kilometer westlich von Athen auf dem Peloponnes, sei das einzige Tor zum Westen.

Täglich legen sechs Fähren nach Italien ab, sechzehn Stunden dauert die Überfahrt bis Bari. Niemand hatte Ali gesagt, dass dieses Tor längst verschlossen ist. Vor zehn Jahren hatten kurdische Flüchtlinge in Patras die ersten Baracken errichtet. Fünfzehn Minuten dauert der Fußweg zum Hafengebiet.

Und so war der Lagerplatz ein guter Ausgangspunkt für Menschen, die hinter den Zäunen des Transitbereichs ihre letzte Hoffnung sehen, weil es in Griecheland für sie keine Hoffnung gibt. In den Jahren seit Beginn des Afghanistankrieges, kamen fast nur noch Afghanen nach Patras. Jeden Tag sammelten sich hunderte junger Männer vor dem Hafengebiet. Sie überkletterten Absperrungen und rannten auf dem Lastwagenparkplatz umher, auf der Suche nach einem Versteck. Die einzige Möglichkeit: in oder unter die Trucks zu klettern und so auf die Fähre nach Italien zu kommen.

Der dritte Anlauf endete in Bad Bentheim

Ali Alweerad ist nun seit sechs Monaten in Patras und drei Mal war er schon auf der Fähre. Beim ersten Mal wurde er noch vor der Abfahrt entdeckt und verjagt. Beim zweiten Mal harrte er 21 Stunden in einer Ladeluke aus. Aber die italienischen Zöllner fanden ihn in seinem eigenen Urin, und sie setzten ihn gleich wieder in die nächste Fähre zurück nach Patras. Beim dritten Mal, Ali erzählt das stolz, da hat er die letzte Etappe seiner Odyssee fast abgeschlossen. Er war in einen Hohlraum hinter der Fahrerkabine geklettert. Hatte gemerkt, dass der Lastwagen in Italien von der Fähre schaukelte. An einem Autobahnrastplatz hatte Ali so lange geklopft, bis der Fahrer ihn befreite. Es war ein netter Fahrer, er sagte nur: Verschwinde! Ali rasierte sich erst mal in der Toilette der Tankstelle, denn neben dem Foto seiner verstorbenen Eltern und einer Zahnbürste hatte er auch die Rasierklingen in seinen Rucksack gesteckt. Dann nahm ihn ein Autofahrer zum Bahnhof mit und mit dem verbliebenen Geld kaufte sich Ali ein Zugticket nach Frankreich, dort eines nach Holland. Ali wollte nach Schweden, ein Bekannter hatte Gutes erzählt von Schweden.

Aber die Reise von Ali Alweerad endete im niedersächsischen Bad Bentheim, in einem Intercity-Zug. Kurz nach der deutschen Grenze entdeckten ihn Beamte der Bundespolizei. Benheim, Benheim, sagt Ali, und er lacht und hustet, Benheim! Ali will nun Deutsch sprechen, er hat ein wenig Deutsch gelernt in den vier Monaten, die er in Oldenburg verbrachte, in einem Asylbewerberheim. »Eine wunderbare Zeit«, sagt Ali, das Asylbewerberheim von Oldenburg kam seiner Vorstellung von Europa schon sehr nahe. Eines Tages fuhren sie Ali nach Frankfurt, und dort setzte man ihn in das Flugzeug nach Athen. Die Deutschen hatten seine Finger in einer Datenbank gefunden.

Die Dublin-II-Verordnung der Europäischen Union vom 18. Februar 2003 besagt: Jeder Asylsuchende darf nur einen Asylantrag innerhalb der Europäischen Union stellen, und zwar in dem Land, das ihm das Betreten des europäischen Territoriums ermöglicht hat. Stellt der Asylsuchende in einem weiteren EU-Staat einen Asylantrag, wird er in den zuständigen Staat zurückgebracht. Für Ali Alweerad war Griechenland zuständig, auch wenn die Griechen ihn gar nicht darüber informiert hatten, dass er darum bitten könnte zu bleiben; man gab ihm nichts außer einem Zettel, auf dem in griechischer Schrift stand, dass er das Land innerhalb von dreißig Tagen zu verlassen habe. Die Asylanerkennungsrate liegt in Griechenland bei etwa zwei Prozent. Aber was weiß Ali Alweerad schon von der Dublin-II-Verordnung, er weiß nur, dass er nicht weiter darf und auch nicht bleiben. Ali Alweerad sitzt fest in Griechenland, wie tausende andere.

Westeuropa wird in Marokko und der Ukraine verteidigt

Das, was sich momentan in Patras, aber auch in Athen oder in Marokko oder der Ukraine, abspielt, ist eine schwere Flüchtlingstragödie – nicht nur, weil unzählige Menschen vor dem Krieg fliehen müssen und um Asyl bitten. Ihr Schicksal wird zur Tragödie, weil die Europäische Union ihre Grenzen mittlerweile so weit nach außen verlegt und so streng gesichert hat, dass nun Länder wie Griechenland zurecht kommen müssen mit dem Andrang auf Westeuropa. Griechenland jedoch ist entweder überfordert mit dem Problem – oder nicht gewillt, es zu lösen, das ist Auslegungssache.

Der Philosoph jedenfalls sagt, Griechenland sei doch die Geburtsstätte der Demokratie, was sei bloß passiert mit diesem Land? Der Bürgermeister von Patras hat verkündet, die Rechte der Flüchtlinge endeten dort, wo die Rechte der Bürger beginnen. In den Zeitungen stand, viele im Lager hätten Aids. Und vom Roten Kreuz, der einzigen Organisation, die sich bislang zaghaft ins Lager wagte, um Brot zu bringen oder Medikamente, heißt es, die Afghanen hätten Angst vor Besuch, weil sie unter Druck gesetzt würden von den Schleusern. Aber der Philosoph sagt, er sei froh über jeden, der sich für ihn interessiert. Für die Schleuser habe er gar kein Geld mehr. Außerdem sei es doch egal, ob manche hier für ihre Flucht Schleuser engagiert haben – »sind wir deswegen keine Menschen mehr?« Der Philosoph ruft seinen Mitbewohner herbei. Sie teilen sich mit vier weiteren ein wackliges Zelt aus Planen und Tüchern, in dessen Innern es nach Nässe und Schmutz riecht. Der Mitbewohner hat eine große Platzwunde an der Stirn. Er hat sich vorhin zu Lidl getraut, vor dem Supermarkt haben zwei Polizisten auf ihn eingeschlagen, aber er konnte fliehen.

Jeder im Lager hasse das Land, weil jeder eine schlimme Geschichte zu erzählen weiß, sagt der Philosoph. Es sind Geschichten, wie sie dokumentiert sind in Berichten von unabhängigen Untersuchungskommissionen. Das Fazit: Die griechischen Behörden verletzen internationale Menschenrechtsabkommen, und sie ermöglichen keine fairen Asylverfahren, obwohl sie sich dazu verpflichtet haben. Man prüft nicht, ob die Ankömmlinge ein Recht darauf haben, in Europa zu leben, man kann sie aber auch nicht nach Afghanistan zurückschicken. So werden die Flüchtlinge von Patras von den griechischen Behörden in die Illegalität gezwungen. Einzig Norwegen fliegt deswegen keine Flüchtlinge mehr zurück nach Griechenland. Aber wer schafft es schon nach Norwegen?

Die Uniform zieht er nur an, wenn er fotografiert wird

Es geht bei den Vorwürfen von Menschenrechtsorganisationen um Folterung und Einschüchterung. Um Polizeischiffe, die Flüchtlingsboote auf offener See kentern lassen oder die Insassen auf einsamen Inseln aussetzen. Es geht um illegale Rückabschiebungen über den Fluss Evros in die Türkei. Um willkürliche Inhaftierungen. Um Zellen, die für zehn Menschen gemacht sind und mit fünfzig belegt werden. Im Hafengefängnis von Patras, erzählt der Philosoph, gab es die ersten zwei Tage nichts zu essen. Als er ankam, musste er die 400 Euro, sein letztes Bargeld, abgeben. Als er entlassen wurde, gab man ihm fünfzig Euro zurück. Das Gefängnis liegt im Keller des Hauptsitzes der Hafenpolizei, und deren Kapitän Liourdis Apostolos sagt, man könne es heute leider nicht besichtigen, es sei zu voll, letzte Nacht hätten sie viele erwischt. Apostolos ist ein runder Mann, der Zigarillos raucht und seine Uniform nur anzieht, wenn er fotografiert wird.

Von seinem Büro aus schaut er aufs Meer, er könnte einen schönen Job haben, sagt Apostolos, wenn da nicht seit Jahren diese Flüchtlinge wären. Die Europäische Union müsse mehr Geld schicken für höhere Zäune und solche Röntgengeräte, wie er sie an Polens Grenzen gesehen habe. Wissen Sie, fragt Apostolos, wie wir die Illegalen finden, obwohl wir keine Röntgenmaschine haben? Wir können sie riechen. Sie stinken. Weil sie sich nicht waschen können. Und selbst wenn sie duschen können, dann duschen sie nicht. Das riechen Sie unten im Gefängnis. Aber da dürfen Sie ja nicht hin. Vor dem Hafengefängnis brausen die schweren Lastwagen vorbei, wie Boten einer besseren Welt, auf den Planen stehen die Namen schöner Orte: Heidelberg, Graz, Kopenhagen.

Die Fahrer sagen, wenn einer ihnen unten auf die Achse klettere, drehen sie ein paar schnelle Runden, dann wollen die Afghanen immer freiwillig aussteigen. Wenn die italienischen Zöllner in ihrem Fahrzeug Flüchtlinge entdecken, müssen die Fahrer hohe Geldstrafen zahlen oder ins Gefängnis, mindestens für einige Tage. Egal ob sie sich den Menschenschmuggel haben bezahlen lassen – das kommt immer mal wieder vor – oder zu unachtsam waren. Deswegen sagen die Fahrer, Patras sei der schlimmste Hafen der Welt – und man müsse die hageren Gestalten zur Not davonprügeln.

Am Morgen des 8. November 2007 wurde im Gebüsch nahe des hübsch gestalteten Passagierterminals ein 14-jähriger Afghane gefunden, mit tiefen Stichwunden im Rücken, an der Hüfte und den Beinen. Offensichtlich herbeigeführt durch ein großes Messer. Der Junge behauptete, ein Hafenpolizist habe auf ihn eingestochen. Seitdem hat sich die Situation in Patras gedreht. Die Afghanen belagern nicht mehr den Hafen, die Polizei belagert jetzt das Camp. Wer ohne Papiere auf die Straße geht, wird festgenommen. Wir konnten uns nicht weiter von den Afghanen diffamieren lassen, schimpft Liourdis Apostolos, genug ist genug. Vor dem Toilettenhäuschen auf der Straßenseite gegenüber dem Camp steht neuerdings immer ein Streifenwagen. »Jetzt stinkt es im Lager noch mehr«, sagt Farid, daran änderten auch die Holzschuppen nichts, die sie Hamam nennen und in denen man unten am Fluss Wasser mit Strom erhitzen kann, als Dusche.

Farid ist 14 Jahre alt und die einzige Hoffnung der Familie

Farid ist vierzehn Jahre alt. Er sagt, er habe keine Angst vor den Polizisten. Er sagt, er gehe jeden Abend zum Hafen. Er redet von der Flucht, als sei sie ein großes Abenteuer. Nur wenn es um seine Familie geht, dann stockt Farid. Er hat lange nichts von ihr gehört. Die Polizei hat die Kabel der nahe gelegenen Telefonzelle gekappt. Farids Eltern und die Schwestern warten nun schon ein halbes Jahr darauf, dass der Erstgeborene anruft und sagt: Ich bin in England. Ich studiere. Bald verdiene ich Geld. Farid sitzt auf der rostigen Kinderschaukel gegenüber dem Toilettenhäuschen, neben dem Tennisplatz, auf dem kleine Mädchen in Faltenröckchen trainieren. Der Streifenwagen macht jetzt jenes hässliche Geräusch, das Farid vom Tennisplatz vertreiben soll, zurück hinter die Bäume, wo das Lager beginnt. Der Polizist mit der Sonnenbrille ruft etwas. Aber Farid bleibt sitzen. Er will eigentlich über die Straße und sich im Meer waschen. Wenn man Farid fragt, wer denn hier auf ihn aufpasse, sagt er, was sei denn das für eine Frage, er passe alleine auf sich auf, und zieht sich seine speckige Lederjacke an, weil es windet. In Patras leben 140 minderjährige Flüchtlinge. In ganz Griechenland gibt es 120 Unterkunftsplätze für minderjährige Flüchtlinge. Ein zehnjähriger Junge in einem viel zu weiten Wollpullover ist an diesem Tag im Lager angekommen. Schüchtern schaut er in die Runde der Männer neben der Kinderschaukel, auf der Farid sitzt, und erzählt, dass er in Athen von einem Auto angefahren wurde und im Krankenhaus lag. In einem Bett, sagt der Junge, ich lag in einem Bett.

Sein Onkel sagt, jetzt müsse der Kleine sich wieder an den Schlafsack und den harten Boden gewöhnen. Warum hat der Onkel seinen Neffen auf diese Reise mitgenommen? Weil immer noch Krieg ist in Afghanistan, sagt er. Weil er eine Zukunft haben soll. Und schnell stehen zwanzig Leute um ihn herum, und sie fragen: Wenn ihr Deutschen Angst habt, eure Soldaten aus Kabul rauszuschicken, wie sollen wir dort leben können? Lasst es euch sagen, ruft einer, nicht zwanzig Prozent meines Landes sind unsicher, im Gegenteil, nur zwanzig Prozent von Afghanistan sind nicht lebensgefährlich. Und alle erzählen sie. Der Lehrer, der in seinem Dorf Englisch unterrichtete, bis die Taliban ihm das verboten und er kein Gehalt mehr bekam. Der Mathematiker aus gutem Hause, der sich ärgert, dass er nicht auf seinen Vater gehört hat. Beende erst dein Studium, dann lasse ich mir was einfallen, wie ich dich in den Westen bringe, sagte der Vater. Aber sein Sohn hatte keine Geduld, und als sein Cousin sagte, er fahre los, fuhr er mit. Der Schlaksige, der von allen am besten Englisch spricht, sagt, er habe sich immer gut verstanden mit den Amerikanern und den Deutschen. Er hat die Truppen durch das Hinterland gefahren. Er dachte immer, die Freunde würden ihm später ermöglichen, im Ausland zu studieren, dass sie Verantwortung übernehmen würden für die Jungen und Motivierten in dem Land, das sie befreien wollten. Aber sie halfen ihm nicht einmal, als die Farm seiner Eltern angezündet wurde.

Im Lager von Patras leben die Paschtunen zusammen mit den Tadschiken, die Strenggläubigen mit denen, die vom Koran nichts mehr hören wollen, es verstehen sich die Bitterarmen mit solchen, die sagen, dass Geld nicht ihr Problem sei. In Patras sind alle gleich, denn sie haben das gleiche Ziel. Es gibt eine kleine Moschee, aber auch einen Billardtisch unter einem Holzverschlag. Es gibt kleine Kioske, in denen Sandalen verkauft werden oder Zigaretten und Reis. Die Menschen müssen sich selbst versorgen. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass der freundliche Herr von der Kirche kommt. Dann müssen sie beten, zu einem fremden Gott, und bekommen ein mit Käse belegtes Baguette.

Ismatulla ist legal hier, aber wer gibt einem Afghanen schon Arbeit?

Es gibt im Lager auch Hütten, in denen ein Fernseher steht oder ein Kühlschrank oder ein Elektroherd, Hütten, die ausgelegt sind mit Teppichen. Ismatulla, der Ali Alweerad am Abend zum Essen eingeladen hat, ist gelernter Elektriker. In seiner Hütte hat er die Kabel ordentlich verkleidet, eine große Leitung führt hierher vom großen Strommast an der Straße. Kürzlich ist ein Mann gestorben, als er versuchte, den Mast anzuzapfen.
Ismatulla hat von den Behörden eine rosa Karte bekommen, eine Duldung mit Arbeitserlaubnis. Aber einem Afghanen will in Patras niemand Arbeit geben, und selbst wenn er Geld verdienen würde: Einen Afghanen wollen die Wohnungsvermieter nicht. Etwa hundert Bewohner im Lager sind eigentlich legal in Griechenland. Es gibt sogar einen, der parkt sein Auto vor der großen Pfütze neben seiner Baracke. Ismatulla sagt, dass er Griechenland hasst, weil das Land ihm keine Chance gibt, das Lager jemals zu verlassen.

Wenn Ismatulla und Ali Alweerad und der lustige Hask, der so gerne wie Bud Spencer wäre, und die anderen im Kreis sitzen und in der Mitte steht ein Topf voll Reis und Huhn, dann wird es gemütlich in Ismatullas Hütte. Es wird gelacht und geraucht, und weil es kalt wird, rücken alle zusammen. Auf dem Tisch steht ein Plastikmodell eines Küstenwacheschiffs, Ismatulla hat es für wenig Geld gekauft, er sagt, das bringe vielleicht Glück. Ach, sagt Ismatulla, schaut mal, im Fernsehen läuft eine lustige Serie, »Eine schrecklich nette Familie« auf Griechisch, Ismatulla lernt gerade Griechisch, die anderen jedoch kennen nur ein einziges Wort: »Malaka«. Wichser. Das haben sie oft gehört.

Plötzlich sagt Hask, es gehe los. »Fence« sagt er, Zaun. »Fence« ist das Stichwort, das jeden Abend zu hören ist im Camp, es heißt: Aufbruch für alle, die heute Abend nach Europa wollen. Dann verabschieden sich die Männer voneinander, und sie wünschen sich, dass sie sich nie mehr wiedersehen. Sie schleichen los, abseits der Straße durchs Gestrüpp, später am Kiesstrand entlang, unterhalb der Fischerboote. Das Wasser glitzert, über ihnen an der Promenade tanzen junge Griechen Tango im Glaspalast oder trinken Wein im Fischrestaurant. »Fence«, sagt Hask und tunkt noch einmal Brot in den Topf. Niemand weiß, wie viele Flüchtlinge sterben unter den Lastwagen. Elf Afghanen liegen auf dem Friedhof von Patras, mehr wollte die Verwaltung nicht zulassen. Niemand weiß auch, wie viele es nach Italien schaffen. Gestern erst schrieb Hasks Freund Aziz eine SMS aus Rom. Ali erzählt die Geschichte vom Glückspilz, der an seinem ersten Abend in Patras auf die Fähre kam und heute in England lebt. Eine Geschichte, die Ali vergessen macht, dass die Einwohnerzahl im Camp trotz des großen Zustroms auch deswegen konstant bleibt, weil viele spurlos verschwinden.

Ali sagt, sein Leben im Krieg sei besser gewesen, also könne er heute ruhig sein Leben aufs Spiel setzen.

Später sitzen zehn schweigende Männer auf den Stufen zu einem kleinen Amphitheater am Rande des Hafens. Von hier aus können sie beobachten, was die Polizei macht. Sie könnten jederzeit losrennen zum Zaun, der von großen Scheinwerfern beleuchtet wird, wenn nur der Jeep verschwände. Immer wieder späht einer über die Mauer. Der Jeep steht noch da. Heute ist kein guter Tag. Der freche Farid wird ganz unruhig. Es muss endlich mal wieder klappen. Ali Alweerad sagt, es sei doch bescheuert, sein größter Wunsch ist es, über diesen verdammten Zaun zu klettern, aber dahinter fangen die Probleme erst richtig an. »Ich war doch da drüben«, ruft er, und die anderen zucken zusammen. »Ich war in Oldenburg, und sie haben mich wieder nach Patras geschickt!« Sie hätten niemals Alis Finger bekommen dürfen. Vom Philosophen existieren keine Fingerabdrücke, er könnte vielleicht bleiben in Deutschland, in Bad Bentheim, in Oldenburg. Aber wenn sich nichts ändert, wird auch der Philosoph dem Lager von Patras niemals entkommen. Der Philosoph traut sich nicht mehr auf die Straße, er sitzt nicht wie Ali jeden Tag am Amphitheater. Er hat Angst, sie könnten ihn dort festnehmen und dann seine Finger bekommen.

* Alle Namen von der Redaktion geändert.

Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom Juni 2008 erschienen und leider immer noch sehr aktuell. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Seit September 2013 gibt es alle Ausgaben auch digital in der NEON-App.

Patrick Bauer
Patrick Bauer kommt aus Berlin, mag München und vor allem Bayern München.
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  • Amanda sagt:

    Merci :)

  • Hallo Amanda,

    du hast vollkommen Recht. Durchs Redigieren des Textes entstand hier ein kleines Missverständnis. Wir haben den Schuppenflechten-Satz entfernt. Danke für deinen Hinweis!

    Grüße aus der Redaktion,

    Max

  • Amanda sagt:

    Aha. Seit wann ist Schuppenflechte ansteckend?!