»Die Mehrheit der Frauen arbeitet nicht in der Prostitution«

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Halb Europa diskutiert derzeit über die Frage: Darf eine Gesellschaft Prostitution erlauben oder nicht? Die französische Regierung findet seit neustem: Nein. Auch viele deutsche Feministinnen wünschen sich ein Verbot des Gewerbes. Doch wem wird damit eigentlich geholfen?

Für die aktuelle Ausgabe von NEON habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob das wirklich geht: Prostitution als Beruf, für den man sich einfach so entscheiden kann. Ich habe dafür viele Frauen getroffen, die in der Sex-Arbeit unterwegs sind, ob als Escort-Dame, Masseurin, Bordellbetreiberin oder Edel-Prostituierte. Viele von ihnen engagieren sich auch politisch für ihre Rechte. Alle sagen: Das ist sicher kein Beruf, wie jeder andere. Es ist aber ein Beruf, den man gerne machen kann, wenn die Umstände passen.

Für die Recherche habe ich auch politische Gegnerinnen der Prostitution gesprochen, und Aktivistinnen die den Kampf der Sex-Arbeiterinnen für mehr Anerkennung unterstützen. Eine  von ihnen ist die Menschenrechtsaktivistin Sonja Dolinsek. Sie studiert Geschichte an der Humboldt Universität in Berlin und schreibt gerade ihre Abschlussarbeit über die Wissenschaftsgeschichte der Prostitution. Außerdem betreibt sie seit drei Jahren menschenhandelheute.net, ein »Kritisches Online-Magazin gegen Ausbeutung«. Hier dokumentiert sie Daten zum Thema Menschenhandel und Zwangsarbeit, und veröffentlicht regelmäßig Debattenbeiträge und Analysen zu diesen Themen, aber auch zur Sexarbeit.

Sonja bezeichnet die Kampagne von Alice Schwarzer und EMMA, mit der ein Verbot der Prostitution in Deutschland erwirkt werden soll als »falsch und kontraproduktiv« . Unter anderem kritisiert Sonja den unterschwelligen Rassismus der Forderung, ausländische Prostituierte von der Einwanderung abzuhalten: Hier werde deutlich, »dass es nicht nur um die Disziplinierung der Sexualität ausländischer Frauen geht, sondern auch um die Kontrolle ihrer Migration.« Sonja unterstützte dagegen den »Appell FÜR Prostitution«  des »Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleistungen«, der mehr Rechte für Sexarbeiterinnen fordert. Dafür wird sie insbesondere online von Unterstützerinnen Schwarzers vehement angegriffen und als »Gegnerin der Frauen« beleidigt.

Wie kamst du dazu, dich so intensiv mit dem Thema Menschenhandel zu beschäftigen?
Ich habe mit einem Kollegen zusammen eine Lehrveranstaltung zum Thema gemacht. Wir haben mit dem Seminar so viele unterschiedliche Aspekte behandelt, dass wir das nicht einfach versickern lassen wollten. Auch die Studierenden fanden die Idee eines Blogs gut. Der Bedarf an verlässlichen Informationen und an  einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema ist groß: Es herrscht geradezu ein Zahlenkrieg und es gibt sehr viel irreführende und unpräzise Angaben.

Zum Beispiel?
Als ich mir mal angesehen habe, wie sich genau die Zahlen zum Menschenhandel in der EU zusammen setzen, habe ich fest gestellt, dass jedes Mitgliedsland andere Kriterien an die Daten legt, die sie liefern. Also Deutschland liefert BKA-Zahlen von vorrangig abgeschlossenen Strafverfahren. In den Niederlanden gilt jede Person, bei der eine Beratungsstelle Menschenhandel vermutet, bereits als Opfer. In den EU-Zahlen wird das alles aggregiert, ohne dass man am Ende weiß, wer jetzt was wie gezählt hat.

Der Menschenhandel wird in der Debatte oft als dunkler Zwilling der Prostitution behandelt. Prostitutionsrechtlerinnen bestreiten den Zusammenhang. Und du?
Grundsätzlich ist Menschenhandel ein bisschen wie »Terrorismus« in der Hinsicht, dass es sich als Schlagwort für viele Politiken und Interessen einsetzen lässt, die damit nichts tun haben, wie z.B. Verbote von Prostitution, der Ausbau von Grenzkontrollen oder repressive Aktionen gegenüber Roma. Zwangsprostitution und Sexarbeit sind aber zwei ganz unterschiedliche Sachen. Das zu vergleichen, ist so, wie Vergewaltigungen mit Sex gleich zu setzen. Natürlich ist das ein Akt sexueller Gewalt, aber er hat wenig mit Sexualität zu tun. Komplett voneinander zu trennen sind diese Bereiche aber auch nicht.

Inwiefern?
Es stellt sich immer die Frage, wo fängt die Zwangsprostitution an. Es gibt die Fälle von Frauen, die unter völlig falschen Vorzeichen in ein Land gebracht werden, nur um dort in der Prostitution sexuell ausgebeutet zu werden – gegen ihren Willen. Das ist die »klassische« Zwangsprostitution. Dann gibt es aber auch Fälle, und das sind sicherlich mindestens genauso viele, in denen Frauen wissen, dass sie hier als Prostituierte arbeiten werden, aber das dann zu viel schlechteren Konditionen tun müssen, als angenommen. Ähnlich wie die nepalesischen Bauarbeiter in Qatar zum Beispiel. Diese Frauen wurden nicht zur Prostitution gezwungen, befinden sich wohl aber in einer Zwangslage, man könnte von sexueller Zwangsarbeit sprechen.

Und wie ist das dann mit Armut? Ist es nicht schon Zwang, wenn eine Frau anschaffen gehen muss, weil sie kein besseres Auskommen hat?
Man kann wirklich sehr lange darüber diskutieren, was Freiwilligkeit ist, und ab wann Armut eine Zwangslage ist. Ich möchte das mal aus einer umgekehrten Perspektive betrachten: In Deutschland scheint es so zu sein, dass sich die Mehrheit der Frauen die als arm gelten, nicht als Prostituierte arbeitet, weil sie sich – trotz Armut – dagegen entschieden haben. Auch in anderen, wirklich armen Ländern gibt es immer noch genügend Frauen, die das ebenfalls nicht machen. Man muss also denjenigen, die unter gleich schlechten Bedingungen sich für die Prostitution entscheiden, zugestehen, dass sie sich dazu entschieden haben. Auch schlechte Alternativen sind Alternativen, obwohl man natürlich etwas gegen die Armut und fehlenden »besseren Alternativen« etwas tun muss.

Würde man aber nicht Menschenhändlern das Handwerk deutlich erschweren, wenn man das Gewerbe illegal macht, in das sie ihre Opfer so oft schleusen?
Prostitutionsverbote bewirken überall, wo es sie gibt, eine enorme Verschlechterung der Situation für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Sie sind weniger geschützt, sie können weniger verdienen, sie werden kriminalisiert und haben vor allem keine Rechte. Wenn sie Gewalt erfahren und das nicht als »Menschenhandel« zählt, können sie sich in den meisten Ländern nicht an die Polizei wenden, weil sie selber als Kriminelle gelten würden. Außerdem verschwinden sie nicht einfach! Sie werden bleiben und wir müssen dafür sorgen, dass sie in ihrer Tätigkeit Rechte haben.

Und was hältst du von einer Freier-Strafe?
Ich halte grundsätzlich nichts davon, mehr staatliche Kontrolle auf die Sexualität auszuüben. Und ich glaube auch nicht, dass es bei sexueller Zwangsarbeit helfen würde: Es kommen nämlich viele Strafverfahren wegen Menschenhandel zustande, weil ein Freier Anzeige erstattet. Das würde kaum einer machen, wenn er eine Strafe fürchten müsste. Ein sogenannter menschenrechtsbasierter Ansatz im Umgang mit den Opfern wäre hier besser: Betroffene von Menschenhandel ohne legalen Aufenthaltstitel sollten z.B. ein Bleiberecht und eine umfassende, bedingungslose Unterstützung erhalten. Sie sollten auch ihre Kinder zu sich holen dürfen – viele Betroffene von Menschenhandel sind ja auch Mütter. Soziale Maßnahmen sind notwendig, nicht unbedingt mehr Strafrechtsparagraphen.

Von Prostitutionsgegnern wird vor allem der Aspekt der körperlichen und psychischen Gewalt erwähnt. Sexarbeiterinnen seien davon überdurchschnittlich häufig betroffen. Prostitutionsaktivistinnen bestreiten das.
Die Untersuchungen, die das angeblich gezeigt haben, basieren auf Daten von Straßenprostituierten in Ländern, wo sie kriminalisiert sind. Da wundert es mich nicht, dass der Gewaltanteil hoch ist. In Deutschland betonen viele Sexarbeiterinnen das Gegenteil. Und ich finde, es ist doch eine Errungenschaft, dass es so viele Sexarbeiterinnen gibt, die keine Gewalterfahrungen gemacht haben. Man muss sie nicht immer damit abkanzeln, dass sie nur eine Minderheit seien. Das sollte stattdessen unser Ziel sein: Dass Prostituierte keine Gewalt in ihrem Job erfahren müssen. Und auch, dass wir uns darüber freuen anstatt uns über die fehlende aufzuregen, weil es nicht das Argument der Prostitutionsgegnerinnen und -gegner unterstützt.

Alice Schwarzer sagt, die Gewalt gegen die Frau steckt schon darin, dass ein Mann sie für Sex bezahlt.
Von so einem wischi-waschi Gewalt-Begriff halte ich nichts. Ist es denn auch Gewalt, wenn ich mich zu einem teuren Essen einladen lasse und dann Sex habe? Wo verläuft hier die Grenze? Und würden wir es als Gewalt sehen, wenn eine Frau einen Mann für Sex bezahlen würde? Ich glaube nicht. Ich persönlich finde ja, dass es auch einfach für Frauen akzeptabler sein sollte, für Sex zu bezahlen. Frauen wollen ja schließlich auch nicht immer eine Beziehung. Und viele Frauen haben ebenfalls keine Lust auf klischeehafte Dates mit einem vorprogrammiertem Balzverhalten, nur weil man nicht als »Hure« da stehen will, obwohl frau eigentlich nur Sex will, sich aber nicht immer traut, das offen zu kommunizieren.

Ist das nicht eine deprimierende Vorstellung?
Dass auch Frauen für Sex bezahlen? Warum denn? Man kann das natürlich konsumkritisch sehen. Und in einer idealen Gesellschaft könnten wir alle an Orte gehen, wo wir unsere sexuellen Wünsche frei ausleben könnten. Aber ganz ehrlich: Gerade die Prostitutionsgegnerinnen tragen zu so einer Gesellschaft nicht unbedingt bei. Das Beziehungsbild, was ich dahinter immer sehe, ist das der monogamen heterosexuellen Beziehung. Da sind wir doch schon viel weiter.

Und jetzt wollen wir von dir wissen: Wie siehst du das? Sind wir wirklich schon weiter? Kann Sex-Arbeit einfach nur Arbeit sein? Hast du selbst Erfahrung mit Prostitution gemacht? Und was hältst du von der Debatte, die in Europa gerade geführt wird?

Meredith Haaf
Meredith Haaf ist Autorin. Interessiert an Liebe, Kapitalismuskritik, Mode, FC Bayern, Ryan Gosling, Berlin und mehr Zeit zusammen.
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  • Sagi sagt:

    The forum is a brhtiger place thanks to your posts. Thanks!

  • toms sagt:

    Johanna: stell Dir vor: ich lebe als Single.Ich habe Lust auf Sex. Seit etwa 1 Woche steigert sich diese Lust, trotz kalter Dusche, sportlicher Anstrengung und und… Jetzt geh ich zur Arbeit, in ein Restaurant, ins Kino, auf den Marktplatz…wo und wie werde ich wohl eine Frau ansprechen können, ob sie gerade jetzt das gleiche Bedürfnis hat ??

  • toms sagt:

    Frauen, die ARBEITEN gehen, tun das, weil sie Geld brauchen, befinden sich also immer in einer Zwangslage. Damit sie bei der Arbeit vor menschenunwürdigen Zuständen geschützt sind, braucht es kein Verbot der Arbeit, sondern durchsetzbare Rechte der Arbeiterinnen und die legislative Bereitschaft zur Durchsetzung.

  • JürgenK sagt:

    Worum geht es hier wirklich? Jedem wird klar sein, dass Sexarbeit auch gefährlich ist. Gefährlich ist aber auch die Erwartung, der Staat könnte durch ein einfaches Verbot so ein kompliziertes Thema lösen. Kann hier jemand für alle objektiv bestimmen, was richtig ist? Wenn man gerne gute Tantramassagen gibt, darf man dafür keine Gegenleistung verlangen? Warum kann man Prostitution nicht als sozialen Beruf sehen, der sowohl schaden als auch gut tun kann? Seit 20 Jahren arbeite ich mit Menschen, die in ganz normalen Beziehungen und Arbeitsverhältnissen geschädigt und benutzt wurden. Wenn wir unseren Kindern beibringen, die eigenen Grenzen zu schützen und andere zu respektieren, ist Prostitution kein Problem.

  • Alina sagt:

    „Und, ja, es macht etwas mit den Frauen, wenn sie ihren Intimbereich gegen Geld verleihen, insbesondere wenn sie keine Alternative dazu sehen. Es ist eben doch etwas anderes als eine Massage oder das Haareschneiden. Kein Wunder, dass weder Freier noch Bordellbetreiber wollen, dass ihre Töchter diesen Beruf ausüben. Viele Frauen würden auch lieber heute als morgen aussteigen. Das wollen die Freier nicht wahrhaben. Aber auch an dieser Tatsache führt kein Weg vorbei.“

    Schluss Zitat aus einem gut geschriebenen Artikel der Taz.

  • TobiB sagt:

    allo Meredith Haaf, mir ist bei Ihrem Artikel die Auswahl der zu Wort kommenden Prostituierten aufgefallen. Was alle 5 gemeinsam haben:
    sie sind weiß
    sie sind deutsch
    sie sind Akademikerinnen

    Sie schreiben in Ihrem Artikel, dass „ 70% aller Prostiuierten in D Ausländerinnen“ seien. Warum tauchen diese Damen in Ihrem Artikel nicht auf? Rechnerisch hätten mindestens 3 der 5 Damen Migrantinnen sein müssen.
    Stattdessen wird jedoch die priviligierte deutsche Bildungsbürgerin vorgestellt (in 5facher Ausfertigung um ganz sicher zu gehen). Dass diese Frauen ihren Beruf positiv bewerten ist aus einer Situation der Wahlfreiheit heraus keine Überraschung.
    Was ist jedoch mit Frauen, die diese Privilegien nicht haben? Wo kommen diese zu Wort?

    Es ist bezeichnend, dass die Befürwörterinnen in der Debatte mehrheitlich weiße Akademikerinnen (meist ohne Migrationshintergrund) sind, was übrigens auch auf Frau Sonja Dolinsek zutrifft. Das diese für sich in Anspruch nehmen für alle Frauen zu sprechen ist doch befremdlich.

    Ich sehe auch in Ihrem Artikel eine Verharmlosung der Thematik, da doch zu einseitig berichtet wird und nur eine Minderheit der Prostiuierten zu Wort kommt.

  • Lena sagt:

    Ja, Mike hat recht: Ein echter Mann braucht und hat ein Recht auf Sex, und zwar eigentlich sogar mit jungen, hübschen Frauen. Warum manche Typen trotzdem irgendwelche Frauen/Mädchen illegal vergewaltigen, wenn man sich legal und gegen Geld an Prostituierten vergehen kann, ist mir schleierhaft! Wollen die alle in den Knast?
    Oder wissen die nur nicht, wo man die kriegt, mit denen alles geht?

    Aber auch aus Frauenperspektive gebe ich Mike Recht: ist doch besser, es trifft ein paar Armutsprostituierte aus dem Ausland mehrmals täglich, als irgendwann eventuell ein deutsches Mädchen oder eine deutsche Frau, die nicht damit rechnet… (Andererseits: wenn er erklärt, dass er das tun muss, weil Prostitution verboten ist, hat sie vielleicht mehr Verständnis als mit der aktuellen Gesetzeslage? Darüber muss ich noch nachdenken…)

  • Mike sagt:

    Nein. Diese darf nicht verboten werden. Wie sag ich immer: Männer müssen, Frauen wollen Sex haben. Verbietet es, nur die es verbieten wollen, sind dann daran schuld, wenn die Vergewaltigungen in Deutschland steigen. Oder besser, verbietet doch gleich „Das Mann sein!“. Dann habt ihr das Problem an der Wurzel gebagt. Die Diskussion geht garnicht!

  • Richard Hohmair sagt:

    Was mich an Ihrem Artikel stört:

    1. Bereits der Einstieg: „Auch viele deutsche Feministinnen wünschen sich ein Verbot des Gewerbes“. Sonst niemand, oder erwähnen Sie nur aus Klischeegründen keine anderen Gruppen? Jede(r) Vierte der fast 10.000 UnterstützerInnen des aktuellen Appells ist ein Mann. (Und ob man Feminist(in) sein muss, um gegen Prostitution zu sein, oder einfach nur Freund(in) der Menschenwürde, sei dahingestellt…)

    2. Ist mit der aktuellen Gesetzeslage nicht mal Zuhälterei verboten – sodass bei den Frauen, die anschaffen gehen (ob freiwillig oder ehemals oder niemals freiwillig) munter abkassiert werden kann. Einzige Gegenleistung: Einschüchterung und Schutzgelderpressung. Die Rocker freut’s. Und die verdienen auch gerne ein bisschen mehr, indem es ihre „Schützlinge“ ungeschützt und auf alle Arten tun. Das verspricht man dann auch mal schnell…

    3. Kann ich aus langjähriger Arbeitserfahrung in einer Interventionsstelle für Betroffene verraten: es geht an einem menschlichen Körper nicht gerade spurlos vorbei, von 10, 20, 25 Freier am Tag penetriert worden zu sein. (Die je nach Zuhälter auch alle Vergewaltigungsphantasien ausleben durften.) Da jemand anderes hier bereits die Krankenhausfälle erwähnt hat, muss ich wahrscheinlich nicht noch ähnliches berichten.

    4. Frau Haaf: Haben Sie eine Idee (sei sie noch so vage), warum die durchschnittliche Lebenserwartung eines/einer Prostituierten bei 50 Jahren liegt? In Deutschland?

    Aber immer wieder schön, wie gern das Ganze (v.a. auch von jungen Frauen) mit moderner, liberaler Sexualität gleichgesetzt wird…

    Kopfschüttelnde Grüße,
    Richard

  • Lilith sagt:

    Für Sex bezahlen zu müssen, ist erbärmlich. Was das Ganze mit einem Statement zum Bild der monogamen Beziehung zu tun haben soll, ist mir schleierhaft. Man hat die Möglichkeit, ohne das verdammte Geld jegliche Beziehungsmodelle zu leben: monogam, polygam, ONS, Freundschaft plus, Ehe, Polyamorie und was es nicht sonst so alles gibt.

    Prostitution ist nichts weiter als eine Dienstleistung. Eine Dienstleistung, in der Frauen oder Männer einen meist fremden Menschen OHNE ZUGNEIGUNG (und sei es auch nur eine rein sexuelle wie bei einem ONS) in ihre Körper eindringen lassen, bis zu deren Höhepunkt. Danach zahlen sie dafür, dass sie einmal drüberrutschen konnten, manchmal geschieht das in Boxen, in Wohnwagen, in einer dunklen Straßenecke oder im Auto der sexuell frustrierten Person. In den wenigsten Fällen in hübschen, sauberen Bordellen.

    Verboten gehört sie nicht, weil ich denke, dass sich die Situation für die Prostituierten verschlechtern würde (Prügel, weil zu wenig Einnahmen kommen, Geldnot im eigenen Haushalt, fehlende Rechte bei Gewaltakten), aber BITTE hört auf, das Ganze so zu verklären und so hinzustellen, als sei doch nichts dabei. Dieses Gefühl bekommt man jedenfalls, wenn man diesen Artikel so liest. Da muss ich nur an das Mädel denken, das ins Krankenhaus geschleppt werden musste, weil es an dem Tag 23 Freier bedient hatte, in einem Flatratebordell.

    Man sollte daran arbeiten, dass es Menschen einfach nicht nötig haben, sich zu prostituieren, es sei denn, man will das unbedingt, weil es sie anmacht.

  • Julia sagt:

    Heute kann man doch schon mit jmd Sex haben ohne dafür zu bezahlen. Viele Frauen und Männer haben heute one-night-stands in gegenseitigem Einvernehmen und dabei kommen beide auf ihre Kosten ohne den faden Beigeschmack des bezahlens. Und es ärgert mich das das Modell eines monogamen Paares in den Medien neuerdings als überholt gilt. Ich erinnere mich noch an den Neonartikel der so viel besagte wie „fremdgehen sei doch irgendwie in Ordnung, wir sollen uns doch nicht so anstellen“. Vielleicht ist ja auch die Prostitution in einer recht freizügigen Gesellschaft einfach überflüssig. Ich schließe mich jedenfalls Johannas Meinung an.

  • Meredith Haaf sagt:

    Hallo Richard Ebert: Wenn Sie die Reportage gelesen haben, müssten Sie wissen, dass keine einzige Frau zu Wort kommt, die als „Zuhälterin“ arbeitet. Die Frauen, die ich interviewt habe, sind entweder selbst in der Sex-Arbeit tätig oder beschäftigen sich als Expertinnen schon lange mit Sex-Arbeit.
    Die Frauen, die im text Sophia und Marleen heißen, haben sich aus persönlichen und nachvollziehbaren Gründen dagegen entschieden, namentlich genannt zu werden. Nicht weil sie sich für ihren Beruf schämen. Sondern weil sie Stigmatisierung fürchten müssen.
    Ich möchte Sie außerdem darauf hinweisen, dass Zuhälterei ein Straftatbestand ist, den man nicht einfach wohlfeil in der Gegend herum unterstellen sollte.

  • Richard Ebert sagt:

    es sit immer wieder lustig zu lesen, mit welcher Blauäugigkeit „liberale“ Frauen wie Sie über Prostitution reden und schreiben!
    Wenn alles so cool und toll und überhaupt wäre, warum kommen dann in Ihrem Artikel nur Frauen zu Wort, die selber als Zuhälterinnen arbeiten? Das erstaunt doch nicht wirklich, dass die Prostitution klasse finden – das sind die einzigen Frauen, die wirklich nennenswert dabei verdienen – neben den anderen geschätzten 98 % der männlichen Zuhälter!
    Und dann taucht wirklich eine „echte“ Prostituierte auf – und schwups heisst es: „Name geändert“: Angst vor Schleichwerbung?
    Wieso gehen eigentlich die Stellen, die beruflich mit diesem Gewerbe zu tun haben, davon aus, dass zwischen „über 80%“ (offizielle Polizeistellen) bis „weit über 90 %“ (A. Schwarzer) als Zwangsprostituierte unterwegs sind?
    Ach ja – Zwangsprostitution ist übrigens auch heute schon verboten!

  • Johanna sagt:

    Ich sehe Kontrolle des Sexgewerbes nicht als staatliche Kontrolle der Sexualität. In der Gesellschaft in der wir leben ist es doch bereits möglich ohne Balztanz und Beziehung Sex mit anderen Menschen zu haben. Die Prostitution als Anstoß in eine Gesellschaft ohne das Leitbild des heterosexuellen, monogamen Paares, leutet mir beim besten willen nicht ein. Wenn beide Parteien einvernehmlich miteinander Sex haben wollen, dann wird das Geld als „Ausgleich“ oder „Entschädigung“ doch überflüssig. Als ältestes Gewerbe der Welt wäre es dann auch auf dem Tauschhandel basierend. Wie du mir, so ich dir und beide sind danach hoffentlich sexuell befriedigt. Die negativen Aspekte die eine freie Prostitution oft begünstigen, wie Menschenhandel und Zwangsprostitution wiegen da schwerer als der Umstand, das eine Person die gern mit vielen unterschiedlichen Menschen Sex hat davon dann auch finanziell leben möchte.

  • Henry Wulff sagt:

    Prostitution gilt als das älteste Gewerbe der Welt. Zurecht, denn körperliche Nähe & Ekstase werden von beiden Geschlechtern einfach verlangt und sind unabdingbar.
    Leider kommen nur die Länder der ersten Welt, allmählich darauf, dass das Gewerbe mit dem Sex, ein gut funktionierendes Gewerbe ist. Die Grenzen zwischen Freiwilligkeit und Zwang müssten aber in Zukunft klar abgegrenzt werden. Egal ob man eher der Typ dafür ist sexuelle Handlungen nur in einer Beziehung oder ob man dazu bereit ist Gelder dafür auszugeben, ist relativ gleichgültig und jedem selbst überlassen.
    In einer Globalen Welt in der Grenzen zwischen Kulturen und Ländern fast komplett verschwinden, liegt es jedem “Frei“ wie er seine Sexualität ausleben möchte.
    Henry (24)

  • Sven Dirks sagt:

    Ich bin mit einer Reihe von Sexarbeiterinnen zum Teil seit vielen Jahren befreundet. Deren einhellige Meinung ist, dass Frau Schwarzer diejenigen, die sie zu schützen vorgibt, entmündigt und dass die geforderten Verbote nur eines tun – ihre Situation deutlich zu verschlechtern. Ihre Zahlen sind erfunden und erlogen, ihre Argumentation krude und moralinsauer. Selbstbewusste, selbstbestimmte Frauen, die nicht unbedingt Frau Schwarzers Ansichten teilen, werden von dieser (seit Jahrzehnten) zu Verräterinnen an der feministischen Sache gebrandmarkt und marginalisiert.

    Auch wenn ich selbst die Dienste von Sexarbeiterinnen nicht in Anspruch nehme halte ich es für sehr wichtig, der sich anbahnenden Verbotskultur Einhalt zu gebieten.