Buchweizengrütze und heiße Mayo

Fleisch im russischen Supermarkt

Seit Anfang August stehen westliche Lebensmittel in Russland auf dem Index: Mit einem Embargo gegen EU- und US-Produkte hat sich der russische Markt abgeschottet. Aus Protest hat Eva Mala die Facebook-Seite »365 Days Of Russian Ban On Food« erstellt. Ein Jahr lang will sie so ihren kulinarischen Alltag in Russland dokumentieren. Im Interview sprach sie mit uns über Plastikkäse und Produkte, die sie auf ihrem Teller besonders vermisst.  

Woher kam die Idee für die Facebook-Seite »365 Days Of Russian Ban On Food«?

Ich will Menschen informieren und Missverständnisse über den russischen Alltag seit Beginn des Embargos richtigstellen. Russische Medien stellen das Embargo als große Chance für die russische Agrarindustrie dar. Und als Boykott von Genprodukten. Die meisten Russen glauben dieser Propaganda. Sie sind extrem nationalistisch eingestellt und finden alles gut, was Herr Putin macht. Viele westliche Medien stellen nur Vermutungen über den Alltag hier an. Deswegen glauben die Leute in Europa und Amerika wahrscheinlich, wir hätten hier gar nichts mehr zu essen.

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Welche Produkte sind in Russland nicht mehr zu bekommen?

Im Grunde gibt es eigentlich noch alle Arten von Lebensmitteln, aber Auswahl und Menge schrumpfen drastisch. Ich vermisse italienischen und französischen Käse. Es gibt von allem immer eine russische Version, aber der russische Käse schmeckt nach Plastik. Die Qualität russischer Lebensmittel war aber schon immer armselig. Letztens habe ich Spaghetti Bolognese gemacht und hätte gern Parmesan darüber gehobelt. Aber den gibt es nirgendwo.

Du hattest auch ein Bild von einem fast leeren Frischfleischregal gepostet …

Ja, das Frischfleisch ist knapp. Zumindest in Noginsk, wo ich zurzeit wohne. Das ist ein Vorort von Moskau. In den Supermärkten hier ist Fleisch, wenn es überhaupt angeboten wird, tiefgefroren. In Moskau selbst ist das vielleicht anders. Ich ziehe Montag wieder dorthin, dann werde ich das dokumentieren. Aber Russland ist eben nicht nur Moskau. In Kleinstädten und dörflichen Gegenden können Supermärkte die Nachfrage an Frischfleisch offenbar nicht decken.

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Bildet sich eine Art Netzwerk, in dem man sich darüber austauscht, wo es noch was zu kaufen gibt?

Davon habe ich noch nichts mitbekommen. Ich hoffe aber, dass meine Seite zu einer Plattform wird, wo Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und ähnlichen Ideen aufeinandertreffen.

Entwickelt sich Russland zurück in die Sowjetunion, in der Menschen für ein Laib Brot stundenlang anstehen mussten und auf Westpakete mit »verbotenen« Lebensmitteln gehofft haben?

Vielleicht, aber das glaube ich nicht erst seit dem Embargo. In Russland lebt die Sowjetunion nicht in Produkten oder Orten weiter, sondern in den Köpfen der Menschen. Noch gibt es hier keine Schlangen vor den Supermärkten. Das könnte sich aber in Zukunft ändern.

Was sagt die russische Bevölkerung zum Embargo?

Die Propaganda leistet ganze Arbeit, daher sind die meisten auf Putins Seite und sehen kein Problem im Importverbot. Ich höre Sätze wie »Eher fressen wir Gras als Westprodukte«, »Wir haben genug Buchweizengrütze. Es schmeckt, ist gesund und du kannst es morgens, mittags und abends essen« und »In unseren Datschas bauen wir genug Obst und Gemüse an, machen sie ein und kommen damit durch den Winter«.

Hast du traditionelle russische Gerichte wiederentdeckt, jetzt da es immer weniger westliche Produkte gibt?

Ich liebe es, neue Rezepte auszuprobieren, aber das ist in Russland nicht einfach. Ernsthaft, die russische Küche hat die schlimmsten Gerichte, die ich je probiert habe. Das Essen ist fad, und die Russen ertränken es in Mayonnaise und ersticken es mit Dill. Ich entdecke immer seltsamere Kombinationen, zum Beispiel das »russische Schnitzel«: Das ist ein sehr dünnes Stück Schweinefleisch, bedeckt mit Pilzen und Zwiebeln. Darüber kommt viel Mayo, Dill und Käse. Es wird im Ofen gebacken. Ja, wenn es serviert wird, isst man Fleisch mit heißer Mayonnaise.

Gibt es auch russisches Essen das du magst?

Die besten Gerichte, die man hier in den Restaurants bekommt, sind eigentlich keine russischen Gerichte: Borschtsch ist ursprünglich ukrainisch, Schaschlik kommt aus dem Kaukasus, das Reisgericht Plov ist usbekisch. Wenn Bekannte mich zu sich nach Hause einladen, hängt der Genuss davon ab, wie gut sie kochen können. Sagen wir es so: Gordon Ramsay wäre in keinem Fall wirklich glücklich.

Was sagt deine Familie in Tschechien dazu, dass du in Russland lebst und arbeitest?

Meine Familie hält mich für verrückt, weil ich für den Job hergezogen bin. Putins aggressive Politik bereitet ihnen Sorgen, besonders seit Beginn des Embargos. Sie schicken mir regelmäßig SMS mit »Hast du genug zu essen?« und »Geht es dir gut?«.

Das sogenannte »Bloggergesetz« besagt, dass sich russische Blogger bei einer staatlichen Stelle registrieren müssen, wenn ihre Seite mehr als 3000 Leser hat. Musst du das auch, wenn deine Facebook-Seite größeren Erfolg hat?

Nein. Das Gesetz ist ein Grund, weswegen ich dieses Projekt auf Facebook mache. Facebook gilt nicht als Blog. Würde ich von der russischen Regierung kontrolliert werden, könnte ich niemals die Situation hier richtig wiedergeben.

Eva Mala

Eva Mala, 29, ist Tschechin mit russischen Wurzeln. Zurzeit lebt sie in Russland und gibt Sprachunterricht an privaten Sprachschulen in Moskau, Noginsk und Elektrostal. Auf ihrer Facebook-Seite 365 Days Of Russian Ban On Food dokumentiert sie, was sie kauft, kocht und isst, seitdem Russland das Handelsembargo gegen westliche Produkte verhängt hat.

Anna Aridzanjan
Anna Aridzanjan erkennt Beatlessongs in den ersten Hundertstelsekunden, wird oft wegen ihrer 1,58m nicht ernstgenommen, ist dafür mit über 2200 Followern auf Twitter so etwas wie ein Promi. Naja, fast.
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