»Film-Frauen sprechen nur über Männer«

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Nirgends schauen wir uns Sexismus so unkritisch an wie im Kino. Die deutsche Nachwuchsregisseurin Isabell Šuba fordert eine Revolution.

Interview: Katarina Lukac

 

Noch vor dem Abschluss der Filmhochschule mit seinem Erstlingswerk zu den Filmfestspielen nach Cannes eingeladen zu werden – davon träumen die meisten Nachwuchsregisseure. Du jedoch hast die Einladung dazu genutzt, in Cannes einen weiteren Film zu drehen, der die Mechanismen der Branche durch den Kakao zieht. Bist du größenwahnsinnig?
Eigentlich nicht. Zuerst habe ich mich auch riesig gefreut über die Einladung zum Kurzfilmwettbewerb. Aber ich war zu dem Zeitpunkt mit meinem Kurzfilm »Chica XX« [eine Dokumentation über den Schönheitswahn in Venezuela, Anm. d. Red.] schon zu ziemlich vielen Festivals getingelt und hatte eine Vorstellung davon, worum es bei solchen Veranstaltungen geht: viel Party, viel Blabla und Selbstinszenierung, aber zumindest im Nachwuchsbereich wird kaum über die Filme geredet. Die Steilvorlage lieferten uns letztlich die Veranstalter.

Mit der unverschämten Einladung an die Côte d’Azur?
Einfach dadurch, dass sie für den Hauptwettbewerb keinen einzigen Film von einer Frau nominiert hatten – von 22 Teilnehmern! Das hat mich erstmal stutzig gemacht, und dann wütend. Die französische Aktivistinnen-Gruppe »La Barbe« beschwerte sich in einem offenen Brief darüber, dass in Cannes Frauen zwar als hübsche Deko auftauchen dürfen, wie Marylin Monroe auf dem letztjährigen Festivalplakat, nicht jedoch als Filmemacherinnen – und schon hatten wir unseren Filmtitel. »Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste«. Auf den Filmtitel bestand übrigens der einzige Mann bei unserem Dreh, Matthias Weidenhöfer. Er ist einer der beiden Hauptdarsteller und spielt einen Macho-Filmproduzenten, der mich, eine ehrgeizige Nachwuchsregisseurin, nach Cannes begleitet. Ich stand aber nicht selbst vor der Kamera, sondern dahinter und wurde von Anne Haug gespielt. Sie hat in Cannes fünf Tage lang meine Identität angenommen, ist für mich auf die Bühne gegangen, hat Interviews gegeben und auf Partys gefeiert. Weil sie nicht die typische Rolle der netten, sexy Frau übernehmen will, geraten Isabell und der Produzent ständig aneinander.

Ist keinem aufgefallen, dass da eine falsche Isabell auf der Bühne stand?
Nein, mich kannte da ja kein Mensch. Wir gaben vor, eine Dokumentation zu drehen, und wurden nicht weiter beachtet. Trotzdem gab es Situationen, in denen mir der Hintern auf Grundeis ging. Zum Beispiel, als in einer Szene Isabell den Produzenten David während
eines TV-Interviews zur Schnecke machte und lauthals als »Penis« beschimpfte, während sich die Leute ringsum gepflegt übers Geschäft unterhielten. Die Journalistin brach das Interview genervt ab. Da dachte ich kurz: »Oh Gott, meine Karriere ist vorbei, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat!«

Im Gegensatz zu anderen Filmpaaren können David und Isabell ihre Spannungen nicht mal durch Versöhnungssex abbauen – denn die Film-Isabell ist lesbisch. Wie autobiografisch ist der Film?
Ich lege mich sexuell nicht so fest wie die Film-Isabell und bin nicht ganz so neurotisch. Ansonsten ist der Film recht nah an der Realität. Es dürfte sich jeder wiedererkennen, der für eine Idee brennt und lernen muss, sie zu verkaufen.

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Kamt ihr in Versuchung, die Kamera stehen zu lassen und stattdessen Champagner an der Croisette zu schlürfen?
Klar, das haben wir gleich am ersten Abend gemacht, obwohl die Kamera mitlief. Am nächsten Morgen hatten wir einen so absurden Kater, so dass wir erstmal genug vom Alkohol hatten. Hätten wir mal lieber auf die Tipps der erfahrenen Festivalgänger gehört: Hochprozentiges nie mit Niedrigprozentigerem ablösen. Oder besser noch: den ganzen Abend Wodka trinken, pur. Die Profis haben alle eine Art Masterplan in der Hinterhand. Unfassbar zum Beispiel, wie viele Leute in Cannes frühmorgens nach einem Gelage joggen gehen! Werfen sich eine Aspirin ein und rennen drauflos, um am Abend wieder perfekt auszusehen.

Statt deinen Film zu drehen, hättest du auch neue Kontakte knüpfen können. Ohne die läuft doch angeblich nichts im Filmgeschäft.

Als junger Filmemacher in Cannes kommt man an die ganz Großen gar nicht heran, da herrscht ein richtiges Kastensystem wie in Indien. Das Gute war aber, dass ich noch gar keinen neuen Film fertig hatte, den ich hätte vermarkten müssen. Immerhin konnte ich am Rande ein nettes Gespräch mit Nicolette Krebitz führen, die ich seit ihrer Rolle in dem Film »Bandits« bewundere.

Bei »Bandits« führte ja eine Frau – Katja von Garnier – Regie. Das war vor fünfzehn Jahren und damals eine absolute Ausnahme. Heute haben viele Filmhochschulen zwar zur Hälfte weibliche Absolventen, trotzdem ist noch nicht mal jeder fünfte deutsche Kinofilm von einer Frau. Wie erklärst du dir das?
Frauen sind immer noch in der Defensive, weil sie in den ersten paar Jahrtausenden in der Kunst einfach gar nicht vorkamen – höchstens als Muse. Interessant wird es, wenn Filmemacher – egal ob Männer und Frauen – weibliche Figuren erschaffen, die von dem ewig gleichen Rollenbild abweichen: die also nicht nur Freundin, Mutter, Schwester oder Vergewaltigungsopfer sind, also nur in Bezug auf einen Mann im Film vorkommen. Und wenn Frauen im Film überhaupt miteinander sprechen, dann fast immer nur über Männer. Zum Glück gab und gibt es aber auch Männer, die diese realitätsfremde Systematik durchschaut haben – der große Loriot zum Beispiel. Er hat mit den Geschlechter-Klischees gespielt, ohne Frauen oder Männer zu diskriminieren. Diese Klischees und Rollen sind ja oft völlig absurd.

Inwiefern?
In Cannes ist die Welt zum Beispiel streng schwarz-weiß. Die Männer laufen wie Pinguine herum, Frauen in einem Hauch von nichts. Mit einem Ausschnitt bis zum Bauchnabel wird man zwangsläufig sexualisiert. Man müsste sich das nur mal umgekehrt vorstellen: Alle Männer auf so einer Party liefen in knappen, halb durchsichtigen Leibchen herum und Frauen in gut sitzenden Anzügen – dann wäre auf einen Schlag so offensichtlich, was da läuft!

Vielleicht haben die Frauen auch einfach Freude daran, sich aufzubrezeln?
Dagegen ist auch absolut nichts einzuwenden. Natürlich sind Frauen in sexy Klamotten nicht per se Opfer, viele profitieren davon, wenn sie die Hübscheste und Tollsten sind. Jede Frau wächst damit auf, eine Prinzessin oder Daddys Liebling sein zu wollen. Ich finde es nur wichtig, sich diesen Impuls bewusst zu machen – und sich je nach Verfassung dafür oder dagegen zu entscheiden. Allein das sollte für eine Revolution im Geschlechterverhältnis ausreichen. Jeder von uns, ob Frau oder Mann, will ein Verführer sein, ein Macher. Wir hinterfragen diese Gier in unserem Film.

Mit eurem Vorhaben habt ihr auch wildfremde Menschen überzeugt, die euch über eure Crowdfunding-Seite im Internet unterstützt haben.
Das war der Wahnsinn! Zunächst hatte jeder aus dem Team 500 Euro aus eigener Tasche in die Kasse gesteckt. Nach unserer Rückkehr aus Cannes war das Geld aufgebraucht, doch Cutter und Tonleute mussten bezahlt werden. Über die Crowdfunding-Seite kamen 9000 Euro zusammen, 3000 mehr als wir ursprünglich gehofft hatten. Zu unser Premiere in Berlin mussten übrigens alle Männer im Kleid und alle Frauen im Anzug kommen.

NEON Redaktion
NEON Redaktion Seit 2003 schreiben wir über alles, was junge Menschen interessiert.
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  • Mietrich sagt:

    Ich finde es gut

  • Tobi sagt:

    Ist den Feministinnen eig. noch nie aufgefallen das der Anzug des Mannes, das Kleid der Frau ist?

    Jeder befriedigt visuell das andere Geschlecht.