Mein Leben nach dem Tod

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In Südkorea kann man sich lebendig beerdigen lassen. Danach, heißt es, werde man zu einem glücklicheren und besseren Menschen. Unser Autor hat sich in einem buddhistischen Tempel in den Sarg gelegt und ruhte in Frieden.

Text: Lars Gaede | Fotos: Jean Chung

Happy Dying

Es sind fünf Hammerschläge, die meinen Tod besiegeln. Bämm. Fünf Schläge, die mir in den Ohren dröhnen. Bämmbämm. Holziger Staub wird aufgewirbelt. Bämm. Der Deckel schließt sich. Der Lichtspalt wird immer schmaler und schmaler. Bämm. Dann ist es plötzlich so dunkel im Sarg, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob ich die Augen öffne oder schließe. Da sind nur noch Wände aus Holz, die meine Arme an meinen Körper pressen, da ist warme, stickige Luft, die mich langsam atmen lässt, und da ist: Ruhe. Endlich!

Es mag absurd klingen, aber wesentlich unangenehmer als die Erfahrung, dreißig Minuten lebendig in einem Sarg eingeschlossen zu sein, waren die Stunden zuvor, in denen ich gezwungen war, grundsätzlich über mein Leben nachzudenken; ob es gut läuft, ob ich nicht glücklicher sein müsste. Kurz: Was es für mich bedeutet, dass ich eines hoffentlich fernen Tages wieder in so einem Holzsarg liegen werde?

»Der Tod«, sagt Kim Giho, der in Südkorea die Firma »Happy Dying« betreibt, »ist der beste Lehrer für das Leben.« Kim Giho veranstaltet Seminare, in denen die Teilnehmer ihren eigenen Tod und ihre Beerdigung simulieren und dadurch, so die Theorie, eine bessere Einstellung zum Leben erhalten. »Was bereut ihr an eurem Leben, was hätte ihr gerne anders gemacht?«, fragt Kim Giho. Für diese Fazitfragen nimmt man sich im Alltag wenig Zeit. Man ist so lange und so sehr mit dem Leben beschäftigt, bis es vorbei ist. Dann ist es zu spät für gute Vorsätze. Dann hat man es vermasselt.

Ich bin 32 Jahre alt und hatte bisher großes Glück, mein Leben war fast frei von diesen schrecklichen Momenten Katastrophen, Krankheit, Todesfälle , in denen man sich automatisch mit der Tatsache befasst, dass das Leben keine Selbstverständlichkeit ist, der Tod aber schon. Ich wünsche mir, dass das auch lange so bleibt. Aber mich freiwillig den Fragen von Kim Giho auszusetzen und durch die Beschäftigung mit meinem Tod etwas fürs Leben zu lernen, das fand ich interessant: sterben, testweise, Leben überdenken, Leben ändern.

Der Tod wird erlebbar: Als Predigt, Rollenspiel und Multimediashow

Deshalb sitze ich jetzt fünf Stunden bevor ich in den Sarg steigen werde mit siebzehn Koreanern in einem buddhistischen Tempel bei Seoul, der mit der Tafel, den Schreibpulten und Stühlen aussieht wie ein Klassenzimmer. An den Wänden: Porträts prominenter Verstorbener wie Steve Jobs oder Whitney Houston. Und der Spruch: »Nur wenn man den Tod kennt, ist das Leben schön.« Na hoffentlich. Ich schaue aus dem Fenster und sehe im Hof einen etwa zwanzig Meter hohen Buddha aus Stein, der im Lotussitz dahockt und sich mit dem Tod auszukennen scheint. Die Statue hat jedenfalls keinen Kopf.

Die Assistentin von Kim Giho ruft die Todgeweihten einzeln nach vorne und fotografiert uns: Da ist ein alter Mann, fein gemacht, wie ein Bankdirektor, mit seinem Sohn, der ebenfalls einen braven Scheitel trägt. Da sind viele Frauen zwischen zwanzig und fünfzig. Da bin ich. »Willkommen zu Ihrem letzten Tag«, ruft Kim Giho jetzt in sein Mikro. Dann geht er durch die Stuhlreihen und fragt jeden erst einmal, warum er sich heute beerdigen lassen will. »Meine Reise kommt bald«, sagt der alte Mann. »Ich will wissen, ob es eine gute wird.« »Ich will mal in Ruhe über mein Leben nachdenken«, sagt sein Sohn. Eine Frau in hellblauer Bluse sagt: »Ich will positiver werden.«

Wenig später bekomme ich eine Dokumentenmappe, die ich auf dem Pult aufstellen soll. Auf der rechten Seite: das Bild eines Grabsteins. Auf der linken Seite: ein Foto von mir, umrahmt von einer schwarzen Schleife. Ich in tot. Das Foto hat einen surrealen, unheimlichen Effekt, weil ich etwas sehe, das ich eigentlich gar nicht sehen kann. Der Philosoph Epikur war der Meinung, dass man den Tod gar nicht fürchten kann, weil er einen als lebendiges, empfindendes Wesen gar nicht betrifft. Denn: Wo ich existiere, ist kein Tod. Und wo der Tod hinkommt, verschwindet das Leben. Die Menschen, sagte der Philosoph, fürchten sich nur vor der Unvorstellbarkeit des Todes.

Kim Giho will das Gegenteil. Er will den Tod durch eine Mischung aus Predigt, Rollenspiel und Multimediashow erlebbar machen. Er zeigt uns die berühmte Szene aus dem Film »Ghost«, in der sich die Seele von Patrick Swayze von seinem Körper löst und die Welt von oben herab betrachtet (»Im Tod hat man Überblick!«). Er zitiert Steve Jobs, von dem er viel hält, weil Jobs sich schon mit siebzehn immer gefragt habe: »Wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre, würde ich das tun, was ich mir für heute vorgenommen habe?« Er mischt Interviews, in denen Menschen über ihre Nahtoderfahrungen berichten (»Tot sein war schön!«), mit einem computeranimierten Flug durchs Weltall (»Der Tod eröffnet neue Perspektiven«) und Aufnahmen einer tibetischen Beerdigung. Also einen (echten) Leichnam, dessen (echte) Eingeweide gerade von (echten) Geiern verspeist werden (»Der Körper geht, aber die Seele bleibt. Habt keine Angst!«). Dazu immer wieder Bilder von zerfetzten Autos, überschwemmten Dörfern, Särgen in Turnhallen, koreanischen Prominenten, die jung gestorben sind. Sänger: »Tot!« Expräsident: »Tot!« TV-Moderator: »Auch tot!«

Kim Giho fragt mit lauter Stimme: »Und? Wie viel Zeit haben Sie noch?« Die meisten Menschen, doziert er, denken, sie werden neunzig Jahre alt, und rechnen dann runter: Ich habe noch fünfzig, vierzig, dreißig Jahre. »Aber leider ist das falsch! Wir werden in einer bestimmten Reihenfolge geboren, aber der Tod hält sich doch an keine Reihenfolge! Er lauert an jeder Ecke.«

Wären wir unsterblich, bräuchten wir keine Religion

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich seiner Sterblichkeit bewusst ist. Die Angst vor dem Tod, die Unsicherheit, das Grübeln, macht uns erst zu Menschen. Römische Feldherren hatten während ihrer prachtvollen Triumphzüge immer einen Sklaven neben sich, der ihnen »Memento moriendum esse« ins Ohr flüsterte »Bedenke, dass du sterben musst!« , damit sie nicht vergessen, dass sie keine Götter sind. Die Künstler und Baumeister der prächtigen Barockkirchen versteckten überall Skelette und Totenköpfe, um die Menschen an ihren damals meist recht nahen Tod zu erinnern.

Kim Giho hat dieses »Memento mori«-Prinzip methodisch etwas weiterentwickelt, hämmert es uns in die Köpfe wie ein Bestatter die Nägel in den Sarg. So lange, bis ich seine Sätze fast mitsprechen kann und die Horrorbilder nicht mehr sehe. Sein Vortrag macht mich mürbe, des Sterbens müde. Vielleicht soll er das auch. Man bekommt so oft gesagt, du wirst sterbensterbensterben, dein Sarg wartet schon (und das tut er ja tatsächlich), dass ich nicht mehr anders kann, als mich des Lebens zu freuen.

Nach dem nächsten Gruselvideo habe ich endgültig genug, will den Buddha im Hof besuchen, will ihn fragen, ob er wenigstens in seinem letzten Leben einen Kopf hatte. Buddhisten glauben ja nicht an ein Leben nach dem Tod im christlichen oder islamischen Sinn. Sondern an eine Art Kreislaufmodell aus Geburt und Tod und die Möglichkeit, sich durch fortwährende Meditation irgendwann aus dieser anstrengenden Schleife ins Nirwana zu verabschieden. Die tröstende Vorstellung aber, dass der Mensch mehr ist als Materie, dass auf die Seele nach dem Tod irgendetwas wartet, haben alle Religionen gemeinsam. Der Philosoph Ludwig Feuerbach schloss daraus: Ohne Tod keine Religion. Wären wir unsterblich, bräuchten wir das alles nicht, die heiligen Schriften, den Weihrauch und die Statuen ohne Kopf.

Weil die Menschen aber eben nicht unsterblich sind, weder in Korea noch in Mekka oder in Rom, würde das Todesseminar von Kim Giho wohl in jedem Land funktionieren (er denkt auch über eine Internationalisierung des Geschäfts nach). Trotzdem fragt man sich natürlich, warum »Happy Dying« gerade in Südkorea erfunden wurde. Liegt es daran, dass hier die Selbstmordrate höher ist als in jedem anderen industrialisierten Land? Oder womöglich daran, dass das Streben nach dem individuellen Glück, das in der westlichen Welt eine Selbstverständlichkeit ist, in Korea eine neue Idee ist. In dem konservativen Land wird von den Menschen erwartet, dass sie ihre persönlichen Ziele und Lebenswünsche der Tradition und den Interessen der Familie unterordnen.

So seltsam es klingt: Indem die Teilnehmer im Seminar ihre Nachrufe schreiben und ihre eigene Beerdigung durchleben (eine Veranstaltung, bei der man mal so richtig im Mittelpunkt steht), werden sie sich erst ihrer Freiheit und Träume bewusst. Zumindest behauptet das Kim Giho.

»So. Wir sterben jetzt. Schließen Sie die Augen. Sie sind tot.«

Dann werden die Vorhänge im Tempel geschlossen und brennende Kerzen verteilt, die wir vor unser Totenbild stellen sollen. Das flackernde Licht macht das Klassenzimmer zu einem gespenstischen Ort: Fünfzehn Menschen vor ihrem eigenen Todesschrein. »So. Wir sterben jetzt«, sagt Kim Giho und hebt dabei die Arme. »Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich alles, was ich Ihnen jetzt sage, genau vor.« Er macht eine Pause. Dann sagt er: »Sie sind tot.« Pause. »Sie schweben über Ihrem Leichnam. Stellen Sie sich das vor! Sie betrachten Ihren toten Körper.« Pause. »Sie beobachten Ihre eigene Beerdigung. Wer ist da? Wer nicht?« Pause. »Was sagen die Menschen über Sie? Was steht auf Ihrem Grabstein?« Pause. »Verabschieden Sie sich jetzt von Ihrer Familie, von Ihren Freunden, denn Sie werden langsam leicht. Sie werden Luft!«

Nach der Reizüberflutung ist es angenehm, die Augen zu schließen. Ich habe allerdings Schwierigkeiten, mir meine eigene Leiche vorzustellen. Ich versuche es mit Logik: Wie ich als Leiche aussehe, hängt ja vermutlich von der Todesursache ab. Ich überlege, wie mein Ende aussehen könnte, und komme immer wieder auf: Landstraße. Motorrad. Laub auf feuchter Straße. Nicht gut!

Es fällt mir leichter, mir mein Grab vorzustellen: Ein erdiges Rechteck auf einer Wiese, Bäume, durch die warmes Licht fällt, Vögel zwitschern. »Klischee«, denke ich. Als ich mir aber meine Freunde und meine Familie vorstelle, wie sie etwas verloren auf der Wiese stehen und meinen Sarg betrachten, beginnt die Gedankenübung etwas beklemmend zu werden. Die Menschen, die ich so sehr mag, so traurig zu sehen, schnürt mir den Hals zu. Was sie über mich sagen würden? Dass ich ein guter Freund war? Hoffentlich. Dass ich sehr glücklich sein konnte, wenn ich glücklich war, aber auch sehr unglücklich, wenn es mal nicht so lief? Vielleicht. Dass ich manchmal etwas freundlicher zu mir selbst hätte sein können? Wahrscheinlich.

Sterben als Stress. Wie eine Abi-Klausur. Nur in Moll

Die Meditation über den eigenen Tod ist nicht unbedingt angenehm, aber auf morbide Art und Weise interessant. Es gehört ja zur Standardkritik an der modernen Gesellschaft, dass sie den Tod verdrängt. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts seien der Tod und die Sterbenden immer weiter aus dem privaten und öffentlichen Raum verschwunden und in abgeschottete Spezialräume wie Krankenhäuser und Hospize ausgelagert worden. Und wer den Tod nicht mehr sieht, denkt auch nicht darüber nach. Aber diese These stimmt nicht mehr. Wir denken uns Videograbsteine und virtuelle Friedhöfe aus. Wir untersuchen in der Pathologie-Serie »CSI« per Kameraflug die Wunden und Körperöffnungen der Leichen. »Körperwelten« wurde zur erfolgreichsten Ausstellung aller Zeiten. Uns kann man kaum eine kollektive Verdrängung des Todes vorwerfen. Im Gegenteil. Wir verdrängen nicht den Tod an sich. Aber jeder von uns verdrängt seinen eigenen Tod.

Das gilt natürlich auch für mich.

Vor mir liegen jetzt Zettel voller Fragen, die ich innerhalb einer Stunde ausfüllen soll. Als erstes die eigene Todesanzeige als Lückentext. »________ ist mit __ Jahren gestorben. Die hinterbliebenen Familienmitglieder sind ________. Freunde werden ihn als _______ in Erinnerung behalten.« Geht noch. Schon schwieriger finde ich das Grabsteindesign. Welchen Slogan will man der Welt aus dem Jenseits zurufen? Man kann das Problem auf alberne Art und Weise lösen wie etwa Frank Sinatra, der sich für »Das Beste kommt erst noch« entschied. Auch der Künstler Marcel Duchamp ließ sich eine letzte Pointe nicht nehmen und den Satz »Im Übrigen sind es immer die anderen, die sterben« auf den Grabstein meißeln. Das Wort, das sich beim Nachdenken über eine eigene Beerdigung in meinem Kopf festsetzt, ist: schade. Ich denke also kurz darüber nach, so etwas wie »Schade eigentlich« oder »Huch! Mist!« auszuwählen, entscheide mich dann aber gegen die Ironie. »Hier liegt einer, der die Menschen und das Leben sehr geliebt hat. Und eigentlich noch gar nicht fertig war damit.«

Auf dem nächsten Formular warten schon die nächsten Fragen: Für was bin ich dankbar? Was macht mich stolz? Was hat mich enttäuscht? Stell dir vor, du hast noch sechs Monate zu leben. Was willst du noch machen? Was willst du sehen? Mit wem verbringst du die Zeit? Puh. Sterben als Stress. Das sind alles Fragen, über die ich einen ganzen Tag lang nachdenken könnte. Eine nach der anderen durchzuarbeiten, überfordert mich. Emotional. Rational. Aber wenigstens geht es den anderen Seminarteilnehmern ähnlich. Meine Sitznachbarn starren ähnlich verstört auf das Blatt wie ich, raufen sich die Haare, knabbern an ihren Stiften, sind konzentriert und mit sich selbst beschäftigt. Das Ganze erinnert mich an die Abi-Klausur. Nur in Moll.

»Die drei wichtigsten Sachen in meinem Leben?« Hmm … Liebe, Freunde, Familie.

»Die Lehre des vergangenen Lebens?« Hab keine Angst!

»War ich glücklich? Was hat mich glücklich gemacht?« Ja, meistens. Die Menschen um mich herum.

Egal wie viel Mühe ich mir gebe und egal wie sehr ich mich reinfühle, nachdenke, rumgrüble, wenn ich mir meine Antworten anschaue, schäme ich mich ein wenig. Das Leben ist eine irre, überraschende, komplexe Angelegenheit. Meine Antworten sind alle eher: simpel. Vielleicht bin ich zu müde. Oder nicht schlau genug. Aber womöglich ist das ja schon ein Teil der Erkenntnis: Das Leben ist gar nicht so kompliziert. Die Banalität des Guten. Weniger Zeit im Büro verbringen, mehr tolle Momente kreieren und Zeit mit den Menschen verbringen, die man liebt! Und: Wird schon!

Das ist alles Fake. Aber die Trauer fühlt sich echt an

Funktioniert das Prinzip von Kim Giho und »Happy Dying« also tatsächlich? Irgendwie schon, aber so ganz kann ich mich der Beerdigungssimulation, dem eventisierten Tod nicht hingeben. In der Realität ist das Sterben oft mit Schmerzen verbunden, mit Leiden und Einsamkeit. Diese »Begleiterscheinungen« simulieren wir hier nicht. Das »Happy Dying«-Seminar ist im Gegenteil eine extreme Ausprägung des Selbsterfahrungsbooms, ein enger Verwandter von Hochseilgärten, Bungee-Jumping und Seiltanzkursen, Aktivitäten, mit denen Menschen furchtloser, offener und effizienter werden möchten. Wir sterben hier einen simulierten Wellnesstod, um unser Leben zu verbessern. Wie zeitgemäß: der Tod als Tool zur Selbstoptimierung.

Wir ziehen die traditionellen Totengewänder aus grobem Leinen über. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Der Sarg wartet. Vorher, sagt Kim Giho, müssen wir eine Abschiedsrede schreiben und laut vorlesen. Ein irritiertes Raunen geht durch den Raum. Doch dann ist es so still, dass man das Kratzen der Stifte hören kann. Und irgendwann höre ich: Schluchzen, Seufzer, leises Weinen. Eine tiefe Traurigkeit hängt im dunklen Raum und mir geht es auch nicht unbedingt blendend. Ich weiß natürlich: Das ist alles Fake! Aber die Trauer, die ich verspüre, während ich mir unter Aufsicht meines toten Ichs überlege, mit welchen Worten ich mich vom Leben und den Leuten verabschieden sollte, fühlt sich tatsächlich echt an. Schwerer. Kloß. Im. Hals. »Memento mori« macht mich fertig. Doch währenddessen passiert auch etwas Schönes: Ich erinnere mich an Dinge, an die ich sehr, sehr lange nicht mehr gedacht hatte. An Skifahren mit Oma, an Lagerfeuer mit Micha und Ben in der Uckermark, ich erinnere mich an Küsse und Trennungen, Reisen und Familienchaos und an Feiernächte mit Max.

Es ist, als würde mein innerer Kameramann die Filmbänder aus seinem staubigen Archiv holen und ihn als vorgezogene Premiere vor meinen Augen abspielen. Und je länger der Film läuft, desto leichter fühle ich mich. Mir gefällt der Film. Mir gefällt vor allem, dass ich das Bedürfnis habe, mich bei all den Menschen zu bedanken, die Hauptrollen in meinem Leben spielen. Und mit den blöden Szenen, die es natürlich auch gibt, komme ich gut klar: Leute, die man scheiße behandelt oder nicht so zurückgeliebt hat, wie man es hätte tun sollen, Freunde, die verschwanden, dunkle Tage, Depris, Angst und Zweifel. Aber die negativen Szenen stehen in einem guten Verhältnis zu den Highlights. Ich bin so froh über die Deutlichkeit dieses Gefühls, dass ich am Ende meiner Abschiedsrede den Wahnsinnssatz schreibe: »Ich liebe euch und ich hatte dank euch ein wirklich schönes Leben!« und es tatsächlich ernst meine.

Ich bin müde und so leer wie der Sarg, der auf mich wartet

Das klingt jetzt vielleicht langweiliger, als wenn ich schreiben müsste: Fuck, alles falsch gemacht, falscher Beruf, falsche Freunde, falsches Leben. Aber vielleicht geht es genau darum: Oft merkt man nicht, wie gut es einem gerade geht.

Kim Giho legt jetzt wieder die Meditations-CD ein und eine Gestalt mit schwarzem Hut, schwarzem Umhang und schwarzer Maske betritt den Raum. Sie schweigt. Natürlich. Das ist, sagt Kim Giho, der Todesbotschafter, der uns jetzt auf die andere Seite begleiten wird. Der Todesbotschafter verteilt Reiskörner, die wir in den Mund nehmen sollen, damit wir im Todesreich nicht auch noch verhungern. Dann verlässt er den Raum und wir folgen ihm. Schweigend. In juckenden Roben und mit einer flackernden Elektrokerze in der Hand. Der Todesbotschafter führt uns um den Tempel herum durch einen Wald. In der Ferne rauscht Seoul, um uns herum die Blätter. Ich atme tief durch. Nach fünf Stunden im Halbdunkel, nach all den traurigen Reden und dem Nachdenken über Leben und Tod, wirkt der Wald im Abendlicht, die Luft, das Vögelgezwitscher so schön und fremd, als käme ich gerade aus jahrelanger Kerkerhaft.

Da kommt jetzt keine »out-of-body experience« mehr wie bei Patrick Swayze in »Ghost«. Und auch keine weitere Erleuchtung. Ich bin müde und so leer wie der Sarg, der auf mich wartet. Als uns der Todesbotschafter in den Tempelkeller hinabführt, wo zwanzig Särge bereitstehen, als ich mich dann zu Choralklängen hineinlege und mir Arme und Beine verbinden lasse, als der Deckel über mich geschoben und mit dem Hammer und Nägeln verschlossen wird, finde ich das auf eine geisterbahnhafte Art unheimlich. Aber ich bin der entspannteste Tote, der man sein kann. Ich weiß jetzt besser als vorher: Ich habe ein schönes Leben. Bämmbämm. Ich kann leben mit dem Tod.

Dieser Text ist in der Ausgabe 09/14 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

Lars Gaede
Lars Gaede ist Textredakteur bei der NEON. Er ist am Liebsten unterwegs, um sich irgendwo von irgendwem irgendwas erzählen zu lassen. Wenn er doch im Büro ist, hört man das schon von Weitem. »Lärm«, sagen die Kollegen. »Geniale Musik!«, sagt er.
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  • christina sagt:

    Schöner Beitrag des Verfassers. Simple aber erstaunliche Erkenntnis (Mein Leben ist schön). Vergessen wir viel zu oft.

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