Schwenke probiert: Bridge

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Hipster kombinieren gerne Tantenhobbys mit Flaschenbier. Aber wollen sie sich auch den Kopf zerbrechen?

Neukölln, Abend. Eine ehemalige Metzgerei, in der die Kacheln von den Wänden fallen. Hier trifft man sich jeden Montag zum Bridge. Weil: Macht man jetzt wieder so. Ein Dutzend Leute, die von der Rente noch sehr weit entfernt sind, falls sie denn mal eine Rente bekommen, sitzen auf Sperrmüllsofas und schieben Karten über den Holztisch.

Die typische Bridgerunde bestand bislang aus älteren Damen, die sich treffen, wenn das Wetter zu schlecht zum Golfen ist. Aber die Formel für die erfolgreiche Etablierung eines neuen Hipster-Hobbys lautet nun mal: traditionsreiche, tantenhafte Tätigkeit plus Flaschenbier. Warum also nicht Bridge? Nun, weil … das Spiel ist kompliziert.

Michael, lange Haare, Sozialwissenschaftler, hat Bridge vor Jahren beim Unisport für sich entdeckt und den Club »Gegenspiel« gegründet. Es gibt 52 Karten und vier Spieler. Man spielt mit seinem Gegenüber und versucht, gemeinsam möglichst viele Stiche zu bekommen. Ich kriege dreizehn Karten. Damit ist der einfache Teil schon vorbei. Bridge lernen ist ein bisschen so wie Heidegger lesen. Der Phi­lo­soph hat seine Ideen auch gern in Wörter gesteckt, die mit deren Bedeutung und Funktion eigentlich nichts zu tun hatten. Jetztmannigfaltigkeit? Unzuhause? Tja. In den Bridgeregeln wiederum heißt es: »Ziel der Reizung ist, einen Kontrakt zu finden, der zu einer möglichst günstigen Anschrift für die eigene Partnerschaft führt.« Aha.

Machen wir das also. Tatsächlich sollen die Spieler­duos beim Reizen ansagen, wie viele Stiche sie in der anschlie­ßenden Partie machen zu können glauben. Gleichzeitig muss man seinem Partner mit dem Gebot subtile Botschaften senden; die Ansage »auf Pik spielen« kann bedeuten, dass man sehr viele Pik-Karten in der Hand hat, oder man meint das Gegenteil, das hängt vom Kontext ab. Reden ist nicht erlaubt, weshalb mit Plastikkärtchen gereizt wird. Nach ­jedem Gebot ist die andere Partei dran, kann überbieten, kontrieren oder einfach passen, danach kann man ­selber ihr Kontra kontrieren, denn das gibt später mehr Punkte, also, außer man verliert; manchmal aber ist Verlieren super, weil Hauptsache, die anderen erreichen ihr angesagtes Ziel nicht. Und damit das alles noch verwirrender wird, heißen die Herzkarten Cœur und Kreuz heißt Treff.

Unklar ist, ob sich hinter den verschwurbelten Codes wie bei Heidegger ein Gedankenuniversum versteckt. Auf jeden Fall hat man ältere Damenzirkel bislang unterschätzt.

Das Spiel beginnt: Mein Partner heißt Andreas, trägt eine randlose Brille und entwickelt eine Software, die Busfahrpläne optimiert. Tendenziell hatten relativ viele Menschen am Tisch früher Mathe-LK. »Bridge ist wie Schach, nur geselliger«, sagt einer. Ich hatte auch Mathe-LK, reiße unser Duo aber immer wieder ganz schön rein. Es würde den Rahmen und die Grenzen meines Verstandes sprengen, den Spielverlauf wiederzugeben. Wir verlieren deutlich. Michael sagt, dass man ein Jahr brauche, um Bridge einigermaßen zu lernen. Es bestehe aber Hoffnung: »Aus dir könnte ein durchschnittlicher Bridgespieler werden.«


Preis: Anfängerkurse 45 Euro (ermäßigt: 25 Euro), Kontakt: bridgeclub-gegenspiel.de

Vorschläge für Schwenkes nächsten Auftrag an: ausprobieren@neon.de

Dieser Text ist in der Ausgabe 11/14 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.Eine Übersicht der »Kaufen«-Kolumne findet ihr hier.

Philipp Schwenke
Philipp Schwenke stellt sich der Zukunft und testet für NEON jeden Monat ein neues Produkt oder einen Trend.
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