Die
 Löwenbändiger

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Salafisten kämpfen gegen Freiheit, Toleranz und Demokratie. Aber wie kämpft man eigentlich gegen den ­Salafismus? 

Text: Daniel Erk | Fotos: Hannah Becker

Der junge Mann trägt Vollbart, einen schwarzen Turban, eine olivgrüne, weit geschnittene Robe und steht, wenn man das auf dem Foto richtig erkennen kann, neben einem Pick-up-Truck irgendwo im Nahen Osten. Er reckt die schwarze Flagge des Islamischen Staates (IS) in den Himmel. Der junge Mann nennt sich Abu Zubayr Al Almani, kommt ursprünglich aus Leverkusen und ist einer von etwa 500 fundamentalistischen Muslimen aus Deutschland, die sich nach Schätzungen des Verfassungsschutzes derzeit in Syrien und dem Irak aufhalten. Er hat sich weit von Deutschland entfernt, und doch ist es nicht schwer, Abu Zubayr durch sein neues Leben zu begleiten: Auf sozialen Medien wie Twitter oder Youtube berichtet er aus Syrien, postet Fotos seiner toten Kampfgenossen, verspottet syrische Soldaten und ruft in Videos deutsche Muslime auf, ebenfalls zur Waffe zu greifen.

Ein anderer junger Mann: Akkurat geschnittener Backenbart, etwas zu weiter, grauer Kapuzenpulli. Er sitzt auf einem Sofa, irgendwo in Mönchengladbach, und blickt direkt in die Kamera. Dominic Schmitz, 26 Jahre alt, groß und rund, gehörte früher zum engen Kreis um den ­salafistischen Prediger Pierre Vogel und nannte sich Musa Almani. 
Auch er hat einen weiten Weg hinter sich, auch er spricht auf Youtube zu Tausenden Zuschauern. Er hat nur eine etwas andere Botschaft als Abu ­Zubayr: »Der Dschihad ist zur Mode geworden. Das ist ein großer Fehler.«

In Deutschland gibt es, schätzen Experten, mittlerweile mehr als 6000 Salafisten, Anhänger eines extrem konservativen Islam. Etwa 850 von ihnen gelten als gewaltbereit. Die Salafisten profitieren von der Empörung über den jüngsten Gaza-Krieg, unterstützen die IS-Offensive­ im Nahen Osten und versuchen vor allem über soziale Medien, neue Anhänger und Kämpfer zu rekrutieren. »Löwen« nennen sie sich selbst gerne. Bislang gibt es jedoch nur wenige Initiativen, die sich der Propaganda entgegenstellen und versuchen, die Löwen zu bändigen. Zwar hat das Land Nordrhein-Westfalen 2014 ein Präventionsprogramm namens »Wegweiser« gestartet, mit dem junge Muslime und Konvertiten dazu gebracht werden sollen, sich von radikalen Predigern fernzuhalten. Einen größeren Einfluss als die Behörden aber haben wohl engagierte Einzelpersonen wie eben Dominic Schmitz, der den salafistischen Pre­digern auf Youtube entgegentritt, Islamwissenschaftler wie der an der Uni­versität Münster lehrende Ali Ghandour und Expertinnen wie ­Claudia Dantschke von der erfolgreichen Aussteigerinitiative Hayat. »Hayat« ist Arabisch und bedeutet übersetzt »Leben«.

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Die Veteranin: Claudia Dantschke von der Initiative Hayat.

Auch Claudia Dantschke analysiert oft soziale Medien. Die Facebook-Seite von Abu Zubayr aus Leverkusen ist ein klassisches Bilderbuch der Radikalisierung: Eben steht da noch ein junger Mann mit Kurzhaarschnitt und Collegejacke in Westdeutschland – klick, klick, klick –, schon posiert er mit einer AK-47 irgendwo in Syrien. Dantschke kennt die Mischung aus Islamstudium und Sinnsuche, aus Ego-Shooter-­Ästhetik und Karl-May-Romantik und weiß, wie wirkungsvoll sie ist.

»Das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, spielt eine ganz große ­verbindende Rolle«, sagt Dantschke. Die Salafisten bieten eine Lösung gegen die Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und ungerichtete Wut: Wer bei ­ihnen mitmacht, findet eine Aufgabe, klare Regeln und eine Gruppe, die ihre Arme öffnet, ganz egal, wer man ist und welche Problem man wann mit wem hatte. Aktuell betreuen die drei Mitarbeiter von Hayat, das organisatorisch zu der erfolgreichen Nazi-Aussteigerinitiative Exit gehört, knapp siebzig Fälle. Achtzehn Fälle davon sind, wie es im Jargon von Polizei und Verfassungsschutz heißt, »sicherheitsrelevant«.

Was passiert, wenn die Anti-Salafismus-Aktivisten scheitern, kann man derzeit in den Zeitungen lesen: Samir M., ein 24 Jahre alter Berliner, der zur salafistischen Kameradschaft Millatu Ibrahim gehörte, soll im März 2014 bei einer Offensive islamistischer Gruppen nahe der türkischen Grenze ums Leben gekommen sein. Robert B., ein Salafist aus Solingen, soll Anfang des Jahres bei einem von ihm verübten Selbstmordanschlag gestorben sein. Und Silvio K., ein kleiner, blasser, schmächtiger Mann aus Essen, steht im Verdacht, gerade nach Syrien aufgebrochen zu sein und sich dem Islamischen Staat angeschlossen zu haben. Er wird nun per internationalem Haftbefehl gesucht.

Auf Youtube wird er beschimpft, beleidigt und bedroht. ­Dabei hat er sich nur rasiert

Dominic Schmitz sitzt in einem schmucklosen Café in Rheydt, einem ebenfalls ziemlich schmucklosen Stadtteil von Mönchengladbach. Er lädt zwar regelmäßig Tausende Youtube-Zuschauer in sein ­Wohnzimmer ein – das populärste Video hat mehr als 100 000 Views –, will aber nicht, dass die Adresse seiner Wohnung bekannt wird. Er ist vorsichtig ge­worden, unter seinen neuesten Videos wird er bedroht und als Ungläubiger beschimpft: »Kafir! Du Freund der Kufr-Staaten!«, schreibt einer. »Der ­Islam akzeptiert dich schon lange nicht mehr«, ein anderer. Und da ging es nur um die Länge seines Bartes.

Schmitz alias Musa Almani ist ein wirksamer Anti-Salafismus-­Aktivist, weil er weiß, was in jungen Menschen vorgeht, die in den Sog der fundamentalistischen Sekte geraten. »Man genießt die Brüderlichkeit. Das Gefühl, eine neue Familie zu haben«, sagt er. Schmitz spricht langsam, man merkt, dass er lange über die Sätze nachgedacht hat. »Aber das sollte ja eigentlich nicht der Grund sein, zu konvertieren.« Schmitz trat mit siebzehn zum Islam über, begleitete Pierre Vogel, den bekann­tes­ten deutschen Salafisten, bei dessen Aufmärschen, beim Freitags­gebet und setzte sich dafür ein, dass ein vom Verfassungsschutz beobach­teter Salafist in Mönchengladbach eine Islamschule eröffnen kann. Er war mit Pierre Vogel sogar auf der Hadsch, der islamischen Pilger­fahrt nach Mekka. Acht Jahre später ist ihm seine damalige Naivität ziemlich unangenehm.

Seine Videos sind eine eigenartige Mischung aus islamischer ­Predigt, Puppenfernsehen und Musikfernsehen. Mal ist er ganz nüchtern, mal rappt er ein bisschen, mal verkleidet er sich, um die verschiedenen Positionen einer Debatte zu versinnbildlichen. Die meiste Zeit aber sieht man Dominic Schmitz in seinem Wohnzimmer und er redet einfach nur. Aber wie: frei, locker, oft überraschend witzig, manchmal ganz ernst. »Wenn man zum Islam konvertiert oder wenn jemand, der eigentlich im Islam geboren wurde, zurück zu seiner Religion findet«, meint er in einem Video, »ist man übermotiviert und voller Euphorie, weil man eine ganz neue Welt kennenlernt.« Er weiß, dass einen diese Welt aber auch verschlucken kann, vor allem wenn man »sich den ganzen Tag ­Videos von leidenden Muslimen aus Syrien und Ägypten anschaut: Das ist natürlich der perfekte Nährboden für Hass und Dschihad-­Sympathie.«

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Kleines Budget, große Wirkung: Mit dieser Kamera nimmt Dominic Schmitz seine Anti-Hass-Videos auf.

Der Salafismus ist, wenn man so will, so etwas wie die Punkvariante des Islam: simpel, schnell und dreckig, ohne großen theoretischen Überbau, ohne Respekt vor Traditionen – gerade deshalb können sich hier auch Konvertiten und religiös wenig gebildete Muslime einbilden, sie hätten den Koran zu hundert Prozent verstanden. »Der Salafismus ist nicht der reine Islam, sondern ein Produkt der Moderne«, sagt Ali ­Ghandour, der an der Universität Münster am Lehrstuhl für Islamische Theologie zukünftige Islamlehrer und Imame unterrichtet. Genau wie viele christlich-evangelikale Sekten, die mit einfachen Regeln und einem klaren Weltbild vor allem Menschen anziehen, die von der Geschwindigkeit und Komplexität der Gegenwart überfordert sind, lebt der Salafismus vom Schwarz-Weiß-Denken. Die Salafisten beschwören den Konflikt mit dem Westen, meint Ghandour, weil ihnen dieser ­Konflikt nützt; weil er ihnen Spenden, Unterstützung und neue Anhänger verschafft, die ihren Glauben verteidigen wollen.

Reden hilft. Keine Floskeln. Keine politisch korrekten Formeln. Keine schnellen Urteile

Ali Ghandour ist 30 Jahre alt, wurde in Casablanca in Marokko ­geboren und kam zum Studium nach Deutschland. Er sympathisierte kurz mit der konservativen Auslegung des Islam. Heute aber hält er ­Vorlesungen über die Methodologie der Normenlehre des Islam und Einführungskurse in die muslimische Glaubenspraxis, will den Studenten und auch ganz Deutschland zeigen, dass sich Westen, Wissenschaft und Islam nicht ausschließen.

Es hört sich so einfach an, aber: Reden hilft. Viel reden. Keine ­Floskeln. Keine politisch korrekten Formeln. Keine schnellen Urteile. »Unser erstes Ziel ist es, dass die Familien wieder kommunizieren«, sagt die Hayat-Aktivistin Claudia Dantschke. Die meisten Fälle bei Hayat beginnen mit dem Anruf eines besorgten Angehörigen, der berichtet, dass sich ein Familienmitglied einer salafistischen Gruppe angeschlossen habe und sich immer weiter von seinem normalen Umfeld entferne. Und dann muss man: reden. »Wir lassen uns die Situationen schildern, welche Bücher liegen herum, welchen Predigern wird vertraut, welche Diskussionen und Streits hat es in der Familie gegeben«, erklärt Dantschke das Vorgehen. So könnten die Hayat-Experten den Familien erklären, was ihre Angehörigen – meist sind es Teenager und junge Männer – zu den Salafisten zieht. Dantschke sagt: »Wichtig ist, in Erfahrung zu bringen, wonach die Tochter oder der Sohn sucht, was sie vorher vermisst haben und was der neue Freundeskreis bietet.«

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Der Wissenschaftler: Ali Ghandour bildet Imame aus.

Claudia Dantschke ist eine kleine, sehr entschiedene Frau Anfang fünfzig. Dantschke hat in der DDR Arabistik studiert, später lange als Journalistin in einer deutsch-türkischen Presseagentur gearbeitet und so auch die Salafistenszene kennengelernt. Seit 2007 arbeitet sie bei Hayat. Dantschke ist so ein Typ Mensch, dem es schwerfällt, nichts zu tun. Sie beantwortet Mails prinzipiell sofort und ist am Wochenende ­erreichbar, wie man das eben so macht, wenn man weiß, dass man auf sich gestellt ist, dass es um alles geht. Mittlerweile gilt sie als eine der weltweit renommiertesten Salafismus-Expertinnen. In Großbritannien und Holland soll sie beim Aufbau ähnlicher Organisationen helfen.

Die Arbeit mit Hayat, sagt Claudia Dantschke, ist anstrengend für die Familien. »Die Gespräche werden sehr persönlich. Die Familien müssen sich öffnen und die Eltern müssen oft auch eigene Fehler eingestehen. Das ist nicht einfach.« Aber, meint Dantschke, nichts helfe besser gegen eine weitere Radikalisierung der Jugendlichen, als wenn das innerfamiliäre Vertrauensklima wieder hergestellt werde.

Noch lieber als über die gesellschaftliche Herausforderung des Salafismus spricht Dantschke über Fälle, die erfolgreich abgeschlossen wurden. Mit der Hilfe von Hayat konnte zum Beispiel eine Familie aus Westdeutschland den nach Syrien ausgewanderten Sohn und Bruder ­erreichen und verhindern, dass er sich einer Miliz anschloss. Eine andere Familie wirkte zusammen mit Hayat auf ein junges Paar ein, das nach Syrien gezogen war. Die Gefahr schien groß, dass der Mann sich dem bewaffneten Dschihad anschließen würde. Das Paar hält sich immer noch im Nahen Osten auf, bleibt aber dem Kriegsgeschehen fern. »Ob sie eines Tages zurückkehren, ist völlig offen«, sagt Claudia Dantschke, »aber seit der Beratung haben sich die Beziehungen zur Familie hier gefestigt und der Dschihad ist kein Thema mehr.«

Ghandour erklärt seinen Studenten gerne, warum Porno gemäß der islamischen Rechtslehre keine Unzucht ist

Um der gesellschaftlichen Herausforderung, vor die die Salafisten und der militante Islam die moderne Demokratie stellen, zu begegnen, braucht man ein vernünftiges Beratungsangebot wie Hayat. Man braucht mutige, entschiedene Einzelpersonen wie Dominic Schmitz, die sich vom Salafismus abwenden, wenn der Dschihad zu einem zu großen Thema im Bekanntenkreis wird. Und man braucht moderne Islam­lehrer wie Ali Ghandour, der strenggläubigen Studenten erklären kann, wa­rum man Pornostars im Sinne der islamischen Rechtswissenschaft, der Fiqh, gar keine Unzucht vorwerfen kann. Denn für die Anklage bräuchte man den alten Schriften zufolge, vereinfacht gesagt, drei Augenzeugen, die den Akt unmittelbar selbst beobachtet haben und klagen wollen.

Vielleicht geht es genau darum, die religiösen Schriften und den ­Alltag zusammenzubringen. Die islamischen Gemeinden in Deutschland seien oft altbacken und stark auf die Herkunftsländer der Migranten 
fokussiert, erklärt Ghandour. Junge Muslime und deutsche Konvertiten könnten in der Regel aber weder ausreichend Arabisch noch Türkisch und fänden die herkömmliche Predigt der älteren Männer einfach nur öde. »Damit sind sie ein gefundenes Fressen für Salafisten«, sagt Ghandour. »Die Salafisten predigen auf Deutsch und sprechen die Sprache der ­Jugendlichen.« Dass die Initiativen für einen wissenschaftlich fundierten Islamunterricht so spät gestartet wurden, sei ein Versäumnis, meint Ghandour. Ein Versäumnis, das noch Konsequenzen haben könnte. ­Angesichts der Menge an Salafisten in Deutschland und angesichts der Kämpfer, die im Irak und Syrien ausgebildet werden, halten viele ­Experten einen salafistischen Anschlag in Deutschland für sehr wahrscheinlich.

Im Juli 2014 postet Abu Zubayr Al Almani einen Link auf Facebook und schreibt dazu: »So setzt es in die Tat um, meine Brüder in Deutschland, und lasst es krachen.« Der Link führt zu einem zwei Minuten langen Youtube-Video, in dem erklärt wird, wie man eine Rohrbombe baut. Der Post bekommt neun Likes, bevor er gelöscht wird.

Im Juli 2014 schreibt sich Dominic Schmitz alias Musa Almani über WhatsApp mit einem alten Freund, den er im Salafistenumfeld kennengelernt hat und der sich mittlerweile in Syrien aufhält. Schmitz ­versucht, Zweifel zu säen, schreibt, der Dschihad sei keine Lösung. Der Dialog dauert ein paar Tage an. Dann bricht der Kontakt ab.

Dieser Text ist in der Ausgabe 10/14 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

NEON Redaktion
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  • Sehr geehrter Herr Erk, sehr geehrte Redaktion von NEON

    In Ihrem sehr interessanten Artikel über Salafistenaussteiger nennen Sie u.a. Dominic Schmitz aus Mönchengladbach. Ich werde nach den Sommerferien in der Fasia-Jansen Gesamtschule in Oberhausen in einer 10. Klasse ein Projekt durchführen, das sich auch mit dem Thema „Salafismus“ befasst und Jugendliche zum eigenen Nachdenken anregen soll. Siehe auch:http://www.einfachgluecklich.com/p/aktuelles.html Sehr gerne würde ich dafür mit Herrn Schmitz Kontakt aufnehmen, um ihn vielleicht für einen kurzen Vortrag in der Schule zu gewinnen. Wäre es möglich, dass Sie mir eine Kontaktmöglichkeit zukommen lassen oder den Kontakt herstellen. Aus verständlichen Gründen ist im Internet ja keine Anschrift von Herrn Schmitz zu finden. Für Ihre Unterstützung des Projektes wäre ich sehr dankbar. Vielen Dank im Voraus und herzliche Grüße aus Oberhausen, Almut Niemann

  • fridolin sagt:

    Der Artikel hat mir echt geholfen danke