Jetzt sofort besser werden!

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Selbstoptimierung gilt als die schlimmste Zivilisationskrankheit. Dabei ist das Streben nach Fortschritt doch menschlich.

Illustration: Frank Höhne

Wenn ich arbeite, sieht es in meinem Kopf noch schlimmer aus als auf meinem Schreibtisch: Totales Chaos, alles fliegt durcheinander – als hätte jemand einen Papiermülllaster in meinem Gehirn entleert. Die meiste Zeit denke ich darüber nach, welche Aufgabe ich als Nächstes erledige. Und mache dann: nichts. Ich leide unter diesem Zustand und träume deshalb heimlich davon, die ultimative To-do-App zu erfinden. »In zwanzig Minuten beginnt Ihre Konferenz«, würde mir die App mitteilen, »die Zeit reicht aus, um genau diese beiden E-Mails zu beantworten.« Die App speichert alle Ideen, die mir abends durch den betrunkenen Kopf schießen, und verwandelt sie in aussagekräftige Exposés. In der oberen Bildschirmecke zeigt sie mir außerdem die noch verbleibende Distanz zum nächsten Karriereziel an. Ich träume nur heimlich von der ultimativen To-do-App, weil mich meine Freunde, immer wenn ich davon erzähle, anschauen, als würde ich von den Freuden der Robbenbabyjagd schwärmen. Die ultimative To-do-App, das sei ja wohl ein Albtraum. Ob ich nicht mal mit dieser schrecklichen Selbstoptimierung aufhören könne?

Die Selbstoptimierung gilt neben Gluten und der In­for­mationsüberflutung als größte Plage der Gegenwart. Ob Arbeit, Konsum, Ernährung, Gesundheit oder Liebe – die Selbstoptimierung droht uns auf allen Feldern menschlicher Aktivität. Wer sich selbst verbessern wolle, heißt es, unterwerfe sein Leben, seine Gefühlswelt und seine Freizeit der Effizienzdoktrin der Höchstleistungsgesellschaft.

Die Selbstoptimierungskritik ist faul und trivial und gibt außerdem nur vor, die Gesellschaft zu analysieren. Wir haben es mit einem Kritikreflex zu tun, den man immer anbringen kann, wenn etwas passiert. Renée Zellweger hat eine Schönheits-OP machen lassen? Selbstoptimierung! Junge Frauen wollen ihre Eizellen einfrieren? Selbstoptimierung! Jemand schläft nur fünf Stunden pro Nacht, geht joggen, macht eine Diät, kauft einen probiotischen Joghurt? Hier kommt der Refrain: Sel-Sel-Sel-Selbstoptimierung! Selbst den Leuten, die sich jeglicher Selbstoptimierung verweigern, könnte man vorwerfen, dass sie Gemütlichkeit üben und den Ruhepuls optimieren.

Talkshows mit Titeln wie »Schöner, schneller, schlanker« haben hohe Einschaltquoten. Längst gibt es Vollzeitselbstoptimierungskritiker wie die Autorin Ariadne von Schirach (»Du sollst nicht funktionieren«) oder den Philosophen Byung-Chul Han, der in seinem Buch »Psychopolitik« schreibt: »Das Ich als Projekt, das sich von äußeren Zwängen und Fremdzwängen befreit zu haben glaubt, unterwirft sich nun inneren Zwängen und Selbstzwängen in Form von Leistungs- und Optimierungszwängen.«

Ja, ja, meine inneren Zwänge. Woher kennen Byung-Chul Han und Ariadne von Schirach die eigentlich so gut? Wie unterscheiden sie, wann ein Mensch ganz freiwillig und authentisch an sich und seinen Fähigkeiten bastelt und wann er als gebrainwashter Kapitalismuszombie gelten muss? Eigentlich gehört der Wunsch, sich selbst weiter zu verbessern, doch zur Grundausstattung des Menschseins dazu. Ein bisschen klüger werden, ein bisschen netter, ein bisschen interessanter – sonst geht es ja gar nicht weiter. Und was wäre schon die Alternative? Rumsitzen, abhängen, abwarten? »Die Abwesenheit von Stress ist der Tod«, heißt es in der Stressforschung, und dasselbe gilt auch für unseren Drang nach einer individuellen
und kollektiven Evolution. Solange man lebt, ­probiert, trainiert und optimiert man eben an sich herum. Das ist der Grund, warum der 100-­Meter-Weltrekord heute nicht mehr bei fünfzehn Sekunden liegt und wir gelernt ­haben, Bier zu brauen.

Im lärmenden Diskurstheater um Selbstausbeutungsopfer und High­speed­kapitalismus wurde aus einem natürlichen Bedürfnis eine sogenannte Zivilisationskrankheit: der Zwang zur Selbstoptimierung. Kritik an ökonomischen Machtverhältnissen halte ich immer für gerechtfertigt. Paradoxerweise sind es aber die Selbstoptimierungskritiker, die den Kapitalismus zum Herrscher über jeden Lebensaspekt erheben: weil sie in jeder Entwicklung, jedem Schritt, den wir nach vorne machen, marktwirtschaftliche Prozesse entdecken wollen.

Aber ich will – mit oder ohne meine ultima­tive To-do-App – wirklich mehr Ordnung in mei­nem Kopf. Ich will auch weniger Fleisch essen, mehr Filmklassiker gucken und ein besserer Gesprächspartner für meine Freunde werden. Das hat nichts mit dem Kapitalismus zu tun. Ich will mich weiterentwickeln. Ich finde, das ist ein gutes Wort: Weiterentwicklung. Ich stehe dazu.

Dieser Text ist in der Ausgabe 01/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

Lars Weisbrod
Lars Weisbrod Der Twitter-Bio-Generator sagt: »Avid thinker. Beer evangelist. Explorer. Bacon trailblazer. Subtly charming creator.« Na ja, stimmt so ungefähr.
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  • Igor sagt:

    Es geht doch um Zwanghaftigkeit. Für eine Sache, die man mit 30% Aufwand 90%ig hinbekommt, würden die 100% eben 90% Aufwand bedeuten. Das ist dann eben schlicht dumm und zurecht kritisierte Scheinoptimierung. Mit Evolution hat die selten zu tun, auch wenn sie das gern anders sieht.