Treffen sich ein Frosch und Wittgenstein

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Ayahuasca, eine schamanische Medizin vom Amazonas, ist eines der stärksten Halluzinogene, die es gibt. Unser Autor ist nach Peru gefahren und hat es getrunken. Drei Mal.

Fotos: Daryl Peveto

Ich weiß noch alles. Trotzdem zerrinnt mir die Erinnerung an meine Reise wie Sand zwischen den Fingern. Es ist wie mit Träumen: Wenn man sie erzählt, verlieren sie all das, was sie zu Träumen macht. Vor einer Weile aber stand ich noch auf einer Lichtung am Amazonas und blickte hinauf zum halben Mond, zu zahllosen Sternen, und überall um mich herum sang in tausend Stimmen der Wald. Das ist wahr.

Ich war eine Woche lang in Peru, ich habe bei einem Schamanen gewohnt und an drei Abenden von ihm Ayahuasca bekommen.
Ayahuasca ist eine schamanische Medizin. Angeblich wird sie seit tausenden von Jahren genommen.
Es ist eine halluzinogene Droge, ein aus Pflanzen gekochter Zaubertrank.

Es gibt zwei Hauptzutaten. Eine ist Chacruna. Die Blätter dieses Busches enthalten DMT, ein Alkaloid, das zu den stärksten Halluzinogenen zählt, die bekannt sind. Angeblich treten im Körper nur zweimal im Leben von selbst hohe Konzentrationen von DMT auf: bei der Geburt und beim Tod. Die zweite Zutat ist Ayahuasca selbst, eine Schlingpflanze.
Der Saft dieser Schlingpflanze macht das DMT im Körper erst wirksam. Ohne die Schlingpflanze bewirkt Chacruna gar nichts.

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Unser Autor war auch bei der dritten Zeremonie noch angespannt, wenn der Schamane ihn zu sich rief, um ihm den Becher mit Ayahuasca zu überreichen.

Irgendwann hat irgendwer herausgefunden, dass diese beiden Pflanzen, zusammen gekocht, etwas mit dem Geist machen. Weil am Amazonas unendlich viele verschiedene Pflanzen wachsen, ist die Wahrscheinlichkeit, unter ihnen genau diese beiden richtig zu kombinieren, verschwindend gering. Die Wissenschaft sagt, die Bewohner des Waldes hätten eben experimentiert. Die Schamanen sagen, die Pflanzen selbst hätten zu ihnen gesprochen.

Ayahuasca zu trinken, ist, wie in dunkles Wasser zu tauchen

Am Amazonas wird Ayahuasca getrunken, wie man andernorts ein Orakel besucht. Man geht zum Schamanen, der Schamane gibt einem Ayahuasca und beschwört dann den Geist der Pflanze. Der Fragende bittet die Pflanze um Antworten. Soll ich sie heiraten, ist er untreu, wovon ist mein Vater krank, solche Fragen stellen die Leute.

Seit fünf, sechs Jahren kommen zunehmend auch Touristen an den Amazonas, um Ayahuasca zu nehmen. Fast alle reisen nach Iquitos, Peru. Es gibt einen Hype um die Droge, die Stadt ist voll von Backpackern, Sinnsuchern, Hippies, New- Age-Jüngern. Man kann das Getränk auf dem Markt kaufen, an jeder Ecke wird man gefragt, ob man in den Wald will, um »Aya« zu trinken. Die Medizin bewirkt angeblich Wunder. Depressionen verschwinden, Abhängige werden clean, der Sinn des Lebens gefunden. Viele suchen Heilung. Andere nur einen Trip.

Warten auf die Geister. Ayahuasca im Bauch, Percy singt, gleich geht doe Reise los.

Warten auf die Geister. Ayahuasca im Bauch, Percy singt, gleich geht die Reise los.

Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Meine Erfahrung mit Halluzinogenen geht gegen null. Ich war immer neugierig, hatte aber auch immer Schiss. »Hängen bleiben«, mit einer Psychose auftauchen aus einem Rausch: Die Vorstellung gruselte mich. Vor einer Weile erzählte mir dann aber meine Cousine von Ayahuasca, und irgendwie dachte ich sofort: Das mach ich. Erst später kapierte ich, dass die Droge als eine Art Mount Everest der Psychedelika gilt. Es gibt noch Iboga aus Afrika, aber immer mal wieder sterben Leute bei Iboga- Trips. Bei Ayahuasca kotzt man sich nur die Seele aus dem Leib.

Ich fliege nach Iquitos, steige in ein Taxi und werde nach Triunfo gefahren, ein kleines Dorf vierzig Kilometer außerhalb. Ich bin achtzehn Stunden lang gereist. Es ist Nacht, der Himmel bedeckt, Wetterleuchten in der Ferne, in den langen Minuten dazwischen Finsternis, man sieht die Hand vor Augen tatsächlich nicht. Aus der Hütte, an deren Tür ich klopfe, kommt Wellington, verschlafen, eine Lampe auf dem Kopf. Er arbeitet für Percy, den Schamanen, dessen Camp eine halbe Stunde Marsch von Triunfo entfernt liegt. Wir gehen in den Wald hinein, der schwarz vor schwarz dort beginnt, wo das Dorf endet. Wellingtons Lampe irrlichtert an Baumstämmen und Blätterkronen entlang, über modrige Bretter, auf denen wir Bäche und Sümpfe überqueren.

Die Nacht ist erfüllt vom Zirpen der Grillen, von den Rufen ungesehener Tiere.

Irgendwann gelangen wir zu einer Hütte im Wald, die meine Unterkunft in der nächsten Woche sein soll. Es gibt keinen Strom. Ich zünde eine Kerze an, lege mich unter das Moskitonetz, puste die Kerze aus. Ich bin angekommen. Ich kann lange nicht schlafen. Morgen Abend werde ich Ayahuasca trinken. Das wird sein, wie in dunkles Wasser zu tauchen, wer weiß, wie tief es ist, wer weiß, wie ich daraus auftauchen werde.
Als Kind hatte ich diesen Traum: Ich stand am Rand eines finsteren Abgrunds. Ich musste springen und hatte davor große Angst.

Schließlich sprang ich und fiel lange durch die Dunkelheit. Am Ende des Falls landete ich unversehrt auf beiden Füßen und lief, bis ich an einen weiteren Abgrund gelangte.
Auch diesen sprang ich hinunter.
Das wiederholte sich endlos. Irgendwann hatte ich keine Angst mehr, ich sprang einfach.

Es gibt endlose Berichte über wundervolle Erfahrungen mit Ayahuasca, aber beinahe genauso viele über entsetzliche. Das Hirn wird auf eine andere Frequenz eingestellt. Was dann mit einem passiert, weiß man vorher nicht. Man fliegt in den Himmel, man steigt in die Hölle hinab. Man begegnet einem geliebten Verstorbenen oder einem dämonischen Folterknecht.

In der Woche beim Schamanen soll ich an drei Zeremonien teilnehmen. Montag, Mittwoch, Freitag.

Am Montagmorgen klettert die Sonne hinter dünnen Wolken über den Horizont. Ich sitze an dem kleinen Tisch, der in einer Ecke meiner Hütte steht. Durch das Fliegengitter sehe ich, wie zuerst die höchsten Bäume in der Ferne ins Licht tauchen. Vogelschwärme steigen auf, Schmetterlinge taumeln aus dem Dickicht.

Dann höre ich ein Brummen. Ein Kolibri schwebt einen Meter vor meinem Gesicht langsam vorüber. Smaragd und Rubin, die Flügel schlagen so schnell, dass sie durchsichtig wirken. Der Vogel betrachtet mich durch sein schwarzes Auge.

Hundert Sachen, die man gesehen haben muss: Auf der Liste des Autors steht seit Neuestem der Amazonas bei Mondlicht ganz oben.

Hundert Sachen, die man gesehen haben muss: Auf der Liste des Autors steht seit Neuestem der Amazonas bei Mondlicht ganz oben.

Es ist sehr still im Camp. Ich warte auf Percy, den Schamanen.

Ich habe mir lange überlegt, welchen Schamanen ich besuchen soll, es gibt etliche Angebote im Internet. Als ich Percy entdeckte, dachte ich sofort, dass er der Richtige ist. Seine Geschichte gefiel mir.
Als Percy zehn Jahre alt ist, nimmt ihn sein Großvater beiseite, ein Koch, der für die Nachbarn auch als Schamane arbeitet, und erklärt ihm, dass er ihn in die Lehre nehmen möchte. Percy trinkt zum ersten Mal Ayahuasca, das er seither mehrmals in der Woche zu sich nimmt.

Unter der Aufsicht seines Großvaters wird Percy Pflanzenarzt. Er geht mit ihm durch den Wald und lernt die Pflanzen kennen. Er lernt, aus ihnen Medizin zu kochen.

Vor ein paar Jahren hat Percy eine Vision. Er sieht den Bach, der über das Grundstück eines Bekannten zum Amazonas fließt. Über den Bach ist eine Maloca gebaut, eine große runde Hütte für Ayahuasca- Zeremonien, und über dem Dach der Hütte schwebt eine riesige Hand. Aus der Handfläche wachsen hunderte von Schlangen.

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Die Natur wird immer wichtiger, je länger man im Camp ist.

Die Schlangen wandern in die Herzen von Menschen, die in der Hütte liegen.
Die Menschen werden geheilt. Während sie geheilt werden, hört Percy eine mächtige Stimme: »Dios, Dios, Dios«, sagt die Stimme.
Percy kauft das Grundstück, baut die Maloca über den Bach und eröffnet ein Camp, in das in erster Linie Gringos kommen werden.
Er nennt es »Centro DAS«: Dios, Ayahuasca, Sanaciones. Gott, Ayahuasca, Heilung.

Am Nachmittag höre ich Stimmen. Percy und sein Übersetzer, Raul, laufen auf meine Hütte zu. Percy ist Ende dreißig, schätze ich.
Er trägt Surfershorts, auf seinem nackten Oberkörper baumelt ein goldenes Kruzifix. Die Haare sind kurz geschoren. Er lächelt die ganze Zeit. Percy fragt, wie es mir geht, ob ich zum ersten Mal »mit der Medizin arbeiten« werde, so drückt er das aus. Er sagt, er werde mir nur eine kleine Dosis geben. Ich solle die Medizin kennenlernen und die Medizin mich. Vielleicht würde ich gar nichts spüren.

Michael, der einzige andere Gast, holt mich vor der Zeremonie ab. Er ist Ende sechzig, Friseur aus Toronto. Er redet gleich los. Er leide unter Depressionen, erklärt er mir, und hoffe, geheilt zu werden.

Sein erster Trip sei entsetzlich gewesen. »Sie«, und damit meint Michael wohl Ayahuasca oder ihren Geist, habe ihm in einem einzigen endlosen Rasen sein ganzes Leben vorgeführt, ohne Pause und Unterlass. Es habe sich angefühlt, wie von einem riesigen Computer gescannt zu werden. Er habe keine Kontrolle gehabt. Michael erzählt mir auch, dass in Percys Ayahuasca noch Toé sei, ein weiteres Halluzinogen, über das ich nur Schlechtes gelesen habe. Im vergangenen Jahr soll ein Amerikaner bei einer Ayahuasca-Zeremonie gestorben sein, weil Toé in dem Getränk war. Ich hatte mir vor der Abreise gesagt:
Du fragst Percy, ob er Toé verwendet. Wenn er Ja sagt, trinkst du nicht. Jetzt kenne ich die Antwort. Aber es ist irgendwie zu spät.

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Am Ende eines Aya-Trips sieht alles immer ein bisschen aus wie unterm Stroboskop.

Wir gehen zum Bach. Percy wartet dort auf uns. Er pafft eine selbst gedrehte Zigarre, süßlicher Tabakgeruch breitet sich aus, darüber liegt ein schwerer Blumenduft. Percy bittet Michael zu sich, pustet Rauch auf sein Haupt, auf seine Schultern, gießt ein nach Blumen duftendes Öl über ihm aus. Mit mir macht Percy das Gleiche.

Während er mich einräuchert und übergießt, betrachte ich das kleine Kruzifix auf seiner Brust. Ich denke: Gleich trinke ich diese wahnsinnige Brühe. Ich muss an einen Witz denken. In einem Film wird Woody Allen gesagt, dass die Polizei sein Hirn löschen wird, wenn sie ihn fängt. »Mein Hirn?«, fragt er. »Aber das ist mein zweitliebstes Organ!« Es dämmert, ein Gewitter zieht auf. Michael und ich laufen zur Maloca. In der Hütte liegen zwei Matratzen, daneben stehen die Eimer, in die wir kotzen werden. Ein Gartenstuhl dient Percy als Thron, umgeben von diversen Flaschen, in denen dunkle Flüssigkeiten stehen. Percy kommt und kommt nicht. Als er endlich erscheint, blitzt es zum ersten Mal, genau in dem Moment, in dem er die Hütte betritt, und durch die Fenster weht ein Wind, der einen Stoß Bretter an der hinteren Wand krachend umfegt. Percy hat sich umgezogen, er ist ganz in Weiß gekleidet, er trägt eine Federkrone auf dem Kopf. Das Lächeln ist aus seinem Gesicht verschwunden.

Percy setzt sich und zieht eine Plastikflasche hervor, eine schnöde Evianflasche, von der das Etikett entfernt worden ist. Ayahuasca. Es sieht aus wie wässriger Dreck. Percy ruft Michael zu sich, reicht Michael eine Tasse, in die er nach Augenmaß diese braune Flüssigkeit gefüllt hat, und Michael trinkt sie in einem Zug herunter. Percy ruft mich, ich trete vor ihn, erhalte den Becher und kippe ihn in drei tiefen Schlucken herunter. Ayahuasca schmeckt wie gekochte Rinde, wie Erde, Gras, Modder, süßlich.

Ich gehe zu meiner Matratze zurück und setze mich. Mein Herz pocht, ich frage mich, was ich hier mache, dann atme ich tief und versuche, den Kreislauf runterzukriegen.

In der Hütte wird es dunkel. Michael und ich liegen auf unseren Matratzen. Percy fängt leise an zu singen. In der Hand hält er getrocknete Tabakblätter, mit denen er rhythmisch zu seinen Liedern rasselt. Die Lieder sind auf Spanisch.

Percy ist zehn, als er zum ersten Mal Ayahuasca trinkt

Ich verstehe Ayahuasca, dann mi vida, mein Leben, mi alma, meine Seele, mi corazón, mein Herz.
Percy beschwört die Geister.
Ich liege auf dem Rücken, habe die Augen geschlossen und warte.

Immer, wenn ich meine, etwas zu spüren, geht das Herzklopfen wieder los. Aber es passiert lange nichts. Dann wird mir bewusst, dass ich schon seit einer Weile bei geschlossenen Augen ein Bild betrachte.
Ich sehe Pflanzen, Ranken, die vor meinem inneren Auge langsam hin und her wehen wie ein Algenwald. Die Pflanzen leuchten in allen Farben des Regenbogens vor einem schwarzen Hintergrund.
Es sieht, denke ich, wie der Aufdruck eines Kiffershirts aus.

Ich finde das komisch und platt, und dann denke ich, dass Licht ja nicht weiß ist oder sonst irgendeine Farbe hat, sondern dass Licht eben spektral ist, wie Regenbögen, dass also diese Headshop-Ästhetik ein Bild zeigt aus Licht und Finsternis.

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Alles dasselbe Ding: der Wald, aus dem Ayahuasca kommt, und der Frosch, mit dem man reden kann.

Ich bin sehr ruhig. Ich betrachte die Pflanzen, ihre ovalen Blätter, und in die Stille, die um mich herum entstanden ist, spreche ich zu dem Bild. »Du bist schön«, sage ich. Übrigens auf Englisch, wahrscheinlich weil ich mit Michael Englisch gesprochen hatte. Ich könnte mich darüber wundern, dass ich zu dem Bild spreche wie zu einer Person, aber ein Teil von mir ist jetzt woanders und weiß, was er tut: zu »Aya« sprechen, wie sie in meinem Kopf heißt. Ich verstehe, warum Michael von einer »Sie« gesprochen hat. Aya ist weiblich, ohne Zweifel, und sie ist uralt.

Kaum richte ich das Wort an sie, verwandeln sich die Blätter der Pflanzen in rotierende Totenköpfe. Ayahuasca ist Gift, sie ist der Tod.

Ich begreife, dass die Pflanze zu mir spricht, durch die Bilder. Sie warnt mich, das Ganze nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich finde das freundlich von ihr und habe keine Angst. Ich sage: »Du bist schön, ich will dich kennenlernen.« Und die Blätter verschwinden.

Die Vision ist vorüber.
Ich bin ganz erstaunt. Ich öffne die Augen und freue mich. Es ist vorbei, es war schön. Erleichterung. Draußen höre ich Regen fallen.
Percy ist verschwunden. Ich weiß nicht, wie lange ich auf der Matratze lag. In einer Ecke sitzt Raul. Michael neben mir kotzt, Raul geht zu ihm, streichelt ihm über die Schulter, redet ihm gut zu. Ich greife nach meiner Brille und setze mich auf. Ich will in meine Hütte gehen. Ich sitze, und dann entfährt mir ein Rülpser, und ich denke, mir ist doch gar nicht schlecht, und im selben Moment rast ein Schwindel, eine Benommenheit in meinen Körper. Ich falle auf die Matratze zurück, und jetzt erst geht es wirklich los.

Ich liege wieder, wie von etwas begraben, schwer, von etwas eingenommen.
Ich weiß, wo ich bin: in einer Hütte am Amazonas, ich habe Drogen genommen, neben mir kotzt Michael.

Aber das interessiert mich nicht. Grüne, pulsierende Bilder flackern vor meinen Augen. Der Blick findet an ihnen keinen Halt. Bald werde ich unsicher, ob meine Augen offen oder zu sind. Die Zeit verschwindet.
Aus der Nacht, die die Hütte umgibt, erklingt ein Geräusch wie ein tiefer Gong. Das Geräusch kommt aus der realen Welt, aber es ist an mich, den Träumenden, gerichtet. Ich weiß nicht, was das für ein Geräusch ist.
Ich frage das Geräusch: »Wer bist du?« Ayahuasca antwortet mir mit der hellen Stimme einer geliebten Freundin. »Er ist ein Frosch«, sagt sie zu mir. Sie stellt ihn mir vor, und ich spreche nun zu ihm. »Aber natürlich«, denke ich. »Du bist ein Frosch, ein Ochsenfrosch.« Ich tauche in den Ochsenfrosch hinein. Er zeigt mir, wie er den Wald wahrnimmt. Die Finsternis, die Nacht als ein dunkles Wummern, als eine unsichtbare Strahlung, die auf ihn eindonnert, in tausend Stimmen. Eine Welt, die er ungefiltert, als eine hochfrequente, rasende Vibration wahrnimmt, als blitzende Lichtsignale in seinem Kopf, als das Funken aller Dinge, die ihn umgeben. Der Frosch ist total wach, total auf Empfang.

Chemie
PSYCHADELIKA

Eine kurze Einführung in die weite Welt der halluzinogenen Drogen.
LSD, Psilocybin, Meskalin, Peyote – es gibt verschiedenste Psychedelika, natürliche und synthetische, mit verschiedensten Wirkungen. Man kann sie schlucken, trinken, schniefen, rauchen; als Pulver, Tabletten, Lösung oder Pilz konsumieren. Gemeinsam haben sie, dass sie Aspekte der Wahrnehmung eröffnen können, zu denen man normalerweise keinen Zugang hat. Sie können Trance auslösen oder Halluzinationen, das Bewusstsein schärfen, das Ich verschwinden lassen. In der westlichen Welt war das Interesse an Psychedelika bis zu den Sechzigerjahren recht gering. Dann wurde Acid (LSD) Teil der Populärkultur, Paul McCartney erzählte im Fernsehen davon. Heute sind Psychedelika nicht mehr derart präsent.

Für eine Weile ist das interessant – ich bin zum ersten Mal im Kopf eines Frosches -, aber dann denke ich auf einmal: »Wenn ich sterbe und ein Geist werde, dann werde ich für immer auf dieser Frequenz sein, auf der alles miteinander kommuniziert. Das kann ich nicht aushalten. Das ist viel zu intensiv.« In diesem Moment kehrt sich meine Betrachtung um, aus dem Frosch zurück zu mir. Ich bin wieder in mir selbst.

Der Trip in dieser Nacht ist dann dunkel, lange Zeit ist er eine Qual. Mir wird unendlich übel, und doch kann ich nicht kotzen. Ich winde mich auf dem Boden und stöhne, ich weine nicht, aber Tränen strömen mir aus den Augen. Ayahuasca kommt in Wellen. Bilder leuchten auf, werden intensiver, verbinden sich zu Gedanken. Ich liege zitternd auf dem Rücken, während diese Gedanken in mir rotieren.

Erinnerungen, Momente, Aussagen. Der Höhepunkt, die Krone der Welle ist immer eine Einsicht. Sachen, die mir kompliziert erschienen, werden auf eine klare, einfache Aussage reduziert.
Dann rollt die Welle fort. Ich beschäftige mich mit der gewonnenen Einsicht.
Daraus formt sich die nächste Welle. Wenn die Welle kommt, gibt es nur sie. Ein Pulsieren vor den Augen, Rausch, Visionen.
Wegrennen vor den Wellen geht nicht.

Ich frage mich, warum der Trip so düster ist. Warum, frage ich, ist das alles Konfusion, Verlorensein? Ayahuasca sagt dann, dass ich leide, weil ich nicht loslassen kann. Eine klare, einfache Antwort.
Ich denke darüber nach. Alles, was ich erlebe, sehe, fühle, kommentiere ich innerlich auch. Ich vergleiche, frage mich, woher das kommt, welcher Teil meines Hirns gerade arbeitet. Wie ich wohl darüber schreiben könnte, wie es sich in Worte fassen ließe. Dadurch kommt die Erfahrung nie unmittelbar an mich heran, ich halte sie auf Distanz, indem ich sie mit Theorien und Anmerkungen bombardiere, mit Freud, Neurowissenschaften, mit Ironie und Vergleichen.

Bald werde ich unsicher, ob meine Augen offen oder zu sind

Ayahuasca will aber, dass ich loslasse. Sie bezeichnet meinen Verstand als einen Kontrolleur.
Sie will mir etwas zeigen, das ich nicht sehen werde, solange dieser Kontrolleur da ist. Er steht zwischen mir und Ayahuasca. Ayahuasca sagt, er steht auch zwischen mir und meinem Erleben der Welt insgesamt. Sie ist keine Freundin von Sprache, begreife ich, von Konzepten und Abstraktionen. Sie ist dann auch nicht sanft oder nett.
Stattdessen greift sie den Kontrolleur an, wie mit Krallen und Hämmern. Eine Welle nach der anderen rollt auf mich zu.

Schon nach der vierten oder fünften kann ich nicht mehr. Ich fühle mich physisch und seelisch wie zerschlagen. Ich weiß zugleich, dass es noch lange weitergehen wird, dass ich nicht davonlaufen darf, dass das, was passiert, sein muss. Dass am Ende etwas wartet.
Ayahuasca ist eine bittere Medizin.

Ich versuche nun, den Kontrolleur loszuwerden. Innerlich zu schweigen, nur noch wahrzunehmen, nicht mehr einzuordnen, den analytischen Verstand von mir abzuziehen wie ein schweres Panzerhemd, das sich über mich gelegt hat. Ich ziehe und zerre, es will und will nicht herunterkommen. Immer wieder höre ich eine innere Stimme kommentieren. Ich stöhne, falle durch ein Prasseln von Bildern und Gedanken. Der Frosch ist da, ein Freund, er hilft mir. Er sagt mir, ob meine Versuche in die richtige Richtung gehen oder die falsche.
Am Ende, nach gefühlten Stunden und Stunden, ist der Kontrolleur auf einmal geschlagen.
Es fühlt sich an, als sei ein Ventil geplatzt.

Iquitos zieht mittlerweile Scharen von Ayahuasca- Abenteurern an. Wenn man aus dem Dschungel zurückkommt, wirkt das abstoßend.

Iquitos zieht mittlerweile Scharen von Ayahuasca- Abenteurern an. Wenn man aus dem Dschungel zurückkommt, wirkt das abstoßend.

Alles strömt nun ungefiltert in mich hinein, und die Spannung will aus mir heraus. Ein Würgereflex steigt hoch in mir, ich greife blind nach dem Eimer, und endlich kotze ich, kotze in Krämpfen, fühle mit jedem Krampf, wie etwas von mir abfällt, und lache.

Alles um mich herum verschwindet. Keine Bilder mehr. Stille. Angenehm.
Ich bin frei. In der Stille wächst etwas. Mir erscheint, was Ayahuasca zeigen will.

karte2Ich sehe den Wald. Ich sehe ihn durch das Dach der Hütte. Ich spüre ihn wie Wasser, das mich umgibt. Der Wald liegt im Mondschein wie ein immenses Gerüst aus Kristall und Silber und weichen Schatten. Ich sehe ihn, aber er durchzieht auch die Luft und fließt durch meinen Körper. Der Wald duftet nach Regen und Erde und Blumen. Alles in ihm ist zart, furchtbar zerbrechlich. Ich bin wieder auf der Frequenz, auf der alles miteinander spricht, aber sie donnert nicht mehr. Sie ist nicht schnell und nicht langsam. Sie findet nicht in der Zeit statt, nicht im Raum. Die Welt steht still. Ich stehe im Wald wie in einer Kathedrale aus Geistern und Luft.

Der Wald sind tausend Dinge, und doch ist er ein einziges Ding.
Ayahuasca ist eine Manifestation des Waldes. So wie Herz und Hirn getrennte Organe sind, aber Teil desselben Organismus, sind Ayahuasca und der Frosch getrennte Dinge und gehören doch zu demselben Ganzen. Ich verstehe jetzt, dass eigentlich alles in der Welt dasselbe Ding ist und dass dahinter, darüber noch etwas absolut anderes steht.

An diese Einsichten, die kaum in Sprache stattgefunden haben, eher in der gedanklichen Sphäre, nach der wir mit der Sprache zu greifen versuchen, erinnere ich mich auch jetzt noch, beim Schreiben, aber eben nur noch in Sprache. Wie es war, von ihnen erfüllt zu sein, vergesse ich so, wie man vergisst, wie es war, den Traum zu träumen.

Die Köstlichkeiten, die Fischer aus Iquitos im Amazonas angeln, wären bei Percy streng verboten.

Die Köstlichkeiten, die Fischer aus Iquitos im Amazonas angeln, wären bei Percy streng verboten.

Als ich zu meiner Hütte zurückgehe, fühle ich mich wie jemand, der von einer langen Reise heimkehrt. Ich denke, dass ich zehn Stunden in der Hütte gewesen sein muss. Michael erklärt mir später, dass es bloß drei waren. Michael hatte einen beschissenen Trip. Er ist vor einer Wand aus Dunkelheit geflohen, es gab keine Erlösung am Ende, einfach nur ein langsames Vergehen der Wirkung.

Am Tag darauf bin ich sehr müde. Ich liege in der Hängematte und denke über das Erlebte nach. Ich schreibe, denke an das nächste Mal. Ich bin sehr müde und glücklich. Ich frage Percy, was es bedeuten könnte, dass ich mit einem Frosch gesprochen habe. Percy sagt, der Frosch spricht zu Leuten, die Hilfe brauchen. Er sagt ihnen, ob ihre Gedanken in die richtige Richtung gehen oder die falsche.

Ayahuasca greift mit feinen Fingern in mich hinein

Am Mittwoch schwebt Ayahuasca über mir und greift mit feinen Fingern in mich hinein. Sie zieht die verschiedenen Stimmen, die in mir manchmal im Widerstreit liegen, aus mir heraus.
Sie gibt ihnen Namen, sie ordnet sie und erklärt mir, dass man als Mensch eigentlich wunderbar angelegt ist, dass man über das Älterwerden aber die Balance verlieren kann.

Ich bewege mich jetzt durch längst vergessene Erinnerungen, ich erlebe Momente aus der Kindheit noch einmal. Eine unmittelbarere Welt. Der Zugang war noch nicht verstellt durch all die Vergleiche, Zitate, Erinnerungen, Pläne, Notwendigkeiten. Alles war frisch, schärfer umrissen, präsenter, klarer und dadurch tiefer, länger, wirklicher, wichtiger. Kein Kontrolleur.

Dann kommt Ludwig Wittgenstein. Als er erscheint, freue ich mich total. »Ludwig, Ludwig!«, rufe ich. Er findet das ein bisschen emo, aber er bleibt. »Ludwig«, sage ich, »du hast wirklich viel zu viel über Sprache nachgedacht. Sprache ist nicht so wichtig.« Wittgenstein furcht die Brauen. Er sagt, ich hätte eine komische Art, ein Gespräch zu beginnen. Er sagt dann aber auch, dass ich ihn falsch verstanden hätte. Er sagt: »Was ich versucht habe, ist, den Bereich der Sprache genau zu umreißen.

Aber nicht, damit die Sprache absolut wird, sondern damit das, was sie nicht berühren kann, frei wird.« Später kommt eine komische chemische Fliege angesummt. Sie nervt ein bisschen. »Wer ist das?«, frage ich Aya. »Ach, das ist LSD«, sagt sie. »Sehr komischer Kauz.« Wir lachen. LSD schwirrt ab.

Irgendwann schlage ich die Augen auf. Über mir, durch ein Loch im Dach der Maloca, sehe ich die Sterne. Ich laufe hinaus auf den Steg, der von der Hütte über den Bach ins Camp führt, und begegne in der Mondscheinwelt Ilja, der am Vortag aus dem Silicon Valley hergekommen ist. Wir erzählen einander, was wir erlebt haben. Wir reden die ganze Nacht durch, das beste Gespräch. Alles ist ein Wunder.
Ilja hat mir später Passagen geschickt aus unserem Gespräch.

Er kann sie auswendig. Ich kann sie auch auswendig. Die Wörter sind wie eingebrannt.
Am Freitag liege ich zum letzten Mal in der Maloca. Der Wald singt. Er ist um meine Füße, meine Beine, meine Brust, wie Kristalle aus blauem Licht. Hinter meinem Kopf aber ist etwas anderes. Ich drehe mich und sehe die Stadt. Türme, die in den nächtlichen Himmel ragen, die Welt aus Stein. Die Stadt brüllt und spuckt Geifer.

Ich will sie nicht sehen. Ich wende meinen Kopf nach rechts und blicke auf eine Grenze, an die Stelle, wo sich Wald und Stadt begegnen.
Die Grenze ist dunkel. In der Dunkelheit glimmen Lichter auf.

Smaragd und Rubin. Aus den Lichtern formt sich ein Kolibri. Seine Bewegungen sind unendlich verlangsamt, der Flügelschlag in Zeitlupe, wie der Schlag eines ruhigen Herzens. Doch die Stadt verschlingt das Bild. Sie verhöhnt mich: »Wie kitschig, was für eine armselige Metapher, ein Kolibri. Du kannst dir nichts Besseres ausdenken als diese plumpe Scheiße. Deine ›Vision‹ ist ein billiger Effekt, ein einfacher chemischer Prozess.« Der Kolibri zerbricht in zahllose Scherben, die Lichter erlöschen. Aya verschwindet, ich muss danach lange neu nach ihr suchen.

Ich werde, glaube ich heute, nicht so bald wieder Ayahuasca nehmen.
Es ist überhaupt nicht schlimm, aber es ist auch kein Spaß.
Es ist sehr ernst. Da ist keine Distanz zu dem, was einem passiert.

Deswegen habe ich erst einmal genug. Ich schleppe all die Erfahrungen mit mir herum. In Peru habe ich mit einer Pflanze geredet, mit dem Geist einer Pflanze. Sie hat mir lauter Dinge gesagt, über die ich immer noch nachdenke. Sie hat mir ein paar Dinge gezeigt, deren Schönheit ich fast nicht ertrug. Es ist nicht leicht, davon zu erzählen. Und es ist mir ein bisschen peinlich, weil ich das Gefühl habe, dass niemand es verstehen kann.

Ayahuasca aber ist das gleich. Die Stadt, deine harte, wache Welt, sagt sie, zerschlägt halt vieles. Wach sein ist nicht falsch oder schlecht. Nur macht es den Traum zunichte. Komm in den Wald zurück, und du wirst die Dinge wieder anders sehen. Mit eigenen Augen.


Unser Autor hat in Peru täglich Videotagebuch geführt – alle Teile findet ihr hier.

Dieser Text ist in der Ausgabe 12/13 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

Alard von Kittlitz
Alard von Kittlitz ist Autor bei NEON. Er hat bei einem Mittagessen verstanden, dass er keine Hobbies hat, findet das aber okay.
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  • Peterchen sagt:

    Er täuscht sich. Es ist eben doch nur alles eine Illusion. HAHAHAHAHAHAHAHA!

  • […] Treffen sich ein Frosch und Wittgenstein […]