Corinne hört auf zu schweigen

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Corinne ist 20 und HIV-positiv. Ihr ganzes Leben lang wusste das nur ihre Familie. Jetzt sollen es alle wissen. Bloß: Was werden sie sagen?

Text: Nicola Meier | Fotos: Evelyn Dragan

Angenommen, du triffst diesen Typen. Oder diese Frau. Sieht gut aus, küsst gut, toller Humor. Du bist verliebt. Du weißt: Jetzt würdet ihr miteinander ins Bett gehen. Nur: So einfach ist es nicht für dich. Nicht, weil du Angst hättest, dass er die Cellulite an deinem Hintern sieht oder sie deine kleine Wampe. Solche Probleme hättest du gerne. Du aber musst einen Satz sagen, der alles ändern könnte. Es gibt Sätze, die haben diese Macht. »Ich liebe dich« ist so einer. Deiner hat auch nur drei Worte:

Ich bin HIV-positiv.

Was, wenn derjenige damit nicht klarkommt? Was, wenn sofort alles vorbei ist?

Corinne, 20, sagt, dass sie sich über diese Fragen erst Gedanken machen wird, wenn es so weit ist. Nicht über die Zukunft nachdenken, das ist ihre Lebenseinstellung. Und: Auch nicht über die Vergangenheit nachdenken. Jetzt ist jetzt. »Ich lebe im Augenblick«, sagt Corinne. Im Augenblick leben, nicht jetzt schon ans Irgendwann denken: Das klingt nach überstandener Lebenskrise und Neuanfang, es hört sich zu alt an für jemanden, der so jung ist wie Corinne. »Erzwungene Lebenserfahrung« nennt ein Freund von ihr das.

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Fuerteventura

Fuerteventura, im Oktober. Ein Reisebus rollt vor das Tor des Robinson Clubs »Esquinzo Playa« und entlässt herbstweiße Menschen in ihren Urlaub. In Deutschland haben die Wetterdienste gerade den ersten Frost gemeldet, hier sind es dreißig Grad. »Herzlich willkommen, schön, dass ihr da seid!«, ruft Corinne. »Wollt ihr was trinken? Sekt, Wasser, O-Saft?« Sie steht an einer Theke im Empfangsbereich, eine zierliche Frau in weißen Shorts und Top, im Gesicht eine Hornbrille, die dicken blonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Ihre Haut hat die Bräune jener Menschen, die dort leben, wo die Sonne das ganze Jahr scheint.

Nach ihrem Abitur ist Corinne im Oktober 2014 hergekommen, für ein Jahr. Mittlerweile hat sie verlängert und wird bleiben, mindestens bis nächsten Sommer, vielleicht länger, das ist wieder eine Frage nach der Zukunft, die sich ja doch nicht planen lässt. Dass sie nach Fuerteventura kam: genauso ein Zufall. Eigentlich wollte sie nach Namibia. Aber sie war unsicher wegen der Gelbfieberimpfung, ihr Arzt riet ihr ab. Corinnes Welt schrumpfte um jene Länder, für die man den Gelbfieberstempel im Impfpass braucht. Ägypten war ihr nächstes Ziel. Aber als sie googelte, hieß es: Für Aufenthalte ab dreißig Tagen wird ein HIV-Test verlangt. Noch ein paar Länder weniger.

Der Club im Süden Fuerteventuras ist eine jener All-Inclusive-Anlagen, die Backpacker hassen und Pauschaltouristen lieben: zehn Hektar mit Bungalows, Gartenanlage, Pools und Restaurants. Einmal dort, muss man das Gelände nicht mehr verlassen. Morgens gibt es ein Heft mit dem Tagesprogramm, darin aufgelistet das Sport- und Wellnessangebot und das Kinderprogramm im »Roby Club«.

Corinne im Robinson Club auf Fuerteventura. In der Ferienanlage arbeitet sie seit Herbst 2014. Niemand wusste hier von ihrer Krankheit.

Corinne im Robinson Club auf Fuerteventura. In der Ferienanlage arbeitet sie seit Herbst 2014. Niemand wusste hier von ihrer Krankheit.

Ein Teil dessen ist Coco, wie Corinne von allen genannt wird. Sechs Tage die Woche steht sie im Kinderatelier, wo Mädchen und Jungen zum Beispiel T-Shirts, Seidentücher und Stofftaschen bemalen. Danach: Kochen im Restaurant oder Cocktails mixen an der Bar, je nach Dienstplan.

»Die Infektion ist kein Drama«, sagt Corinne. Und das ist auch ihre Bitte, bevor sie ihre Geschichte erzählt: Bitte kein Drama daraus machen. Das Drama, wenn es denn eins gibt, beschreibt der »Spruch des Tages« im Clubprogramm vom 11. Oktober: »Nothing haunts us like the things we don’t say.« Es ist ziemlich genau ein halbes Jahr her, seit Corinne sich von der Last ihres Geheimnisses befreit hat.

Corinne wurde 1995 in Braunschweig geboren. Der Vater war brutal, schlug zu. Die Mutter floh nach wenigen Monaten mit ihrer Tochter nach München. Dort entdeckten Ärzte, dass Corinnes Mutter mit HIV infiziert war. Ob Corinne sich bei der Geburt mit dem Virus angesteckt hatte, ob sie HIV schon im Mutterleib in sich trug oder ob es erst beim Stillen übertragen wurde, ließ sich nicht mehr feststellen. Aber: Corinne ist fünfzehn Monate alt, und die Ärzte finden das Virus auch bei ihr.

Nach der Diagnose bekommt ihre Mutter Depressionen, verwahrlost. Woran Corinne sich aus ihrer Kindheit erinnert: Dass die Wohnung schmutzig war. Dass die Mutter viel im Bett lag. Dass die Helfer vom Jugendamt kamen und ihr Tabletten in ihren Monte-Pudding rührten. Bis heute isst sie keinen mehr. Sie kommt in die erste Pflegefamilie, die zweite, die dritte, die vierte. Im November 2001 zieht Corinne, sechs Jahre alt, zu Andrea und Klaus Pothast in den Chiemgau, Pflegefamilie Nummer fünf.

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Corinne

Grassau heute. Ein 6000-Einwohner-Dorf in Oberbayern. Blumengeschmückte Landhäuser, die auf grünen Wiesen stehen, Alpenpanorama. Andrea und Klaus Pothast, 58 und 64, sitzen im Wohnzimmer ihres Hauses, schenken Tee ein und erzählen. Du sollst nicht lügen – so hatten die Pothasts ihre drei Söhne erzogen. Und bei ihrer Pflegetochter wollten sie es nicht anders machen. Dann aber rieten das Jugendamt, die Ärzte: Sagen Sie bloß nicht, dass sie HIV-infiziert ist. Sonst wird sie alleine sein, in der Schule, im Dorf. Und alleine sein, das ist etwas, das Corinne in ihrem Leben nie wieder sollte. Also schweigen die Pothasts. Zu ihrer Krankheit sagen sie Corinne nur »so viel, wie sie gefragt hat«. Sie weiß früh, dass sie eine Blutkrankheit hat, vor der andere sich fürchten. Sie lernt, die Krankheit zu verbergen, die für sie keinen Namen hat. Wenn sie bei Freunden übernachtet, nimmt sie ihre Tabletten heimlich.

Als Corinne zwölf ist, kommt sie aus der Schule und sagt, dass sie beim »Run for Life«, einem Benefizlauf, mitmachen wird. Wofür lauft ihr denn?, fragt Andrea Pothast. Für Kinder, die Aids haben oder so, antwortet Corinne. Dass das die Krankheit ist, an der vier Jahre zuvor ihre leibliche Mutter gestorben ist, weiß sie nicht.

Andrea Pothast schnürt die Antwort die Luft ab, sie greift sich noch heute an die Kehle, wenn sie davon erzählt. Mein Gott, denkt sie, Corinne läuft für sich selber! Es ist der Punkt, an dem sie das Schweigen nicht mehr aushält. Jetzt, denkt sie, muss sie es erfahren. Schlaflose Nächte. Eine Woche später setzen sie sich an den Tisch im Esszimmer, Corinne auf die Bank, Andrea Pothast an die Stirnseite, das ist ihr »Besprechungseck«. Dann sagt sie es. Und ihre Pflegetochter reagiert anders, als man erwarten würde: unbesorgt. Du hättest mich ja nicht genommen, wenn ich gefährlich wäre, sagt sie, du würdest ja deine anderen Kinder nicht in Gefahr bringen. Das war’s.

Früher, in Bayern, war Corinne eher eine Außenseiterin. Enge Freundschaften vertragen sich schlecht mit Geheimnissen.

Früher, in Bayern, war Corinne eher eine Außenseiterin. Enge Freundschaften vertragen sich schlecht mit Geheimnissen.

HIV, das bedeutet in den Köpfen vieler Menschen auch heute noch automatisch: Aids. Die Seuche, bei der das Immunsystem versagt. Das unheimliche Leiden, das in den 80ern und 90ern die Welt verstörte. Die Krankheit, derentwegen Tom Hanks als ausgemergelter Aidskranker in »Philadelphia« qualvoll dahinsiechte. Kampagnen für Kondome wurden ihretwegen gestartet. »Gib Aids keine Chance« ist immer noch der Slogan für Safer Sex.

Einmal ausgebrochen und unbehandelt, endet Aids auch heute noch mit dem Tod. Aber anders als vor dreißig Jahren ist die Krankheit erforscht: Man weiß, wie HIV – kurz für: Humanes Immundefizienz-Virus – die Abwehrzellen des Körpers infiziert. Man weiß, wie das Virus langsam das Immunsystem zerstören kann – und so erst zu der Krankheit wird, die wir als Aids kennen. Man hat Medikamente entwickelt, die das HI-Virus im Blut unterdrücken und so den Ausbruch von Aids verhindern.

Corinne, die behandelt wird, seit sie ein Kleinkind ist, hat mittlerweile eine so geringe Virenlast im Blut, dass sie unter der Nachweisgrenze liegt. Selbst wenn sie ungeschützten Sex hätte, wäre das Risiko winzig, jemanden anzustecken. Und es besteht generell keine Gefahr, sich bei Berührungen anzustecken oder beim Küssen, beim Benutzen derselben Toilette oder beim Trinken aus demselben Glas.

Trotzdem haben Menschen auch heute noch Angst. Und es ist ein schmaler Grat zwischen Aufklärung und Panikmache. »›Gib Aids keine Chance‹ ist eine wichtige Kampagne«, sagt Klaus Pothast. Was hängen bleibe, sei allerdings auch: Halt dich am besten fern von HIV-Infizierten. »An die hat niemand gedacht«, sagt er. Andrea Pothast erinnert sich an einen Bericht der Lokalzeitung über den Sexualkundeunterricht am Gymnasium. Unter der Überschrift habe gestanden, und sie schwört das: »Halt dich fern, sonst bist du tot.«

Corinne im Kinderatelier der Ferienanlage, wo sie sechs Tage die Woche mit Mädchen und Jungs T-Shirts oder Seidentücher bemalt.

Corinne im Kinderatelier der Ferienanlage, wo sie sechs Tage die Woche mit Mädchen und Jungs T-Shirts oder Seidentücher bemalt.

Corinne wird älter, kommt in die Pubertät, und es sind harte Jahre für alle Beteiligten. Andrea und Klaus Pothast erinnern sich an ein Mädchen, das gegen alles ankämpfte und ausrastete, sobald ihr etwas nicht passte. Eine solche Kindheit, eine solche Diagnose: Es war klar, dass die Wut und Verzweiflung irgendwo würde hinmüssen. Und trotzdem brachte Corinnes Jähzorn ihre Pflegeeltern an ihre Grenzen, vor allem Andrea Pothast. Du hast mir gar nichts zu sagen!, schrie Corinne sie immer wieder an. Du bist nicht meine Mutter!

Man kann Corinne dabei zusehen, wie sie erwachsen wird. Es gibt einen Film darüber. Zehn Jahre lang hat eine Dokumentarfilmerin die Familie begleitet. Hat aufgenommen, wie das kleine Mädchen Corinne sagt: »Ich muss Tabletten nehmen, damit mein Blut gesund bleibt.« Hat aufgenommen, wie die junge Frau Corinne sagt: »Das Schlimmste an der Krankheit ist die Tatsache, dass, wenn ich es jemandem sage, ich irgendwann alleine bin.«

Die einzige Bedingung, die Corinnes Pflegeeltern mit Maike Conway, der Dokumentarfilmerin, ausmachten: Corinne darf, wenn sie achtzehn ist, selbst entscheiden, ob der Film je gezeigt wird. Ob sie ihr Geheimnis preisgeben möchte oder nicht. Und vielleicht weil die Wahrheit nach all den Jahren des Schweigens umso lauter ausgesprochen werden muss, entscheidet Corinne sich, als es so weit ist: dafür.

Im Mai dieses Jahres hat der Film in München Premiere auf dem DOK.fest. Corinne nimmt Urlaub, fliegt nach Deutschland. Und beginnt das, was sie selbst ein »Outing« nennt. Manchen Freunden erzählt sie es persönlich, anderen schickt sie den Trailer des Films. »Muss dir mal was erzählen …«, beginnt sie solche Nachrichten auf Whatsapp.

Die Antworten: »Hab den Trailer gesehen. Und zu deiner Hoffnung: Du warst, bist und bleibst cocischoki für mich.«
Oder: »Der ist so schön, der Trailer. Ich glaube, ich heule beim Film voll.«
Oder: »Ich bin völlig fertig.«
Corinne: »Das wollte ich nicht …«
»Warum hast du mir das nicht gesagt???«
»Ich konnte es nicht.«

Sich nicht mehr verstecken zu müssen, bedeutet Freiheit, das hat Corinne gelernt. Sie will sich jetzt dafür einsetzen, dass auch andere HIV-Infizierte ihre Angst vor der Wahrheit verlieren.

Sich nicht mehr verstecken zu müssen, bedeutet Freiheit, das hat Corinne gelernt. Sie will sich jetzt dafür einsetzen, dass auch andere HIV-Infizierte ihre Angst vor der Wahrheit verlieren.

Nach der Premiere stehen die Zuschauer von ihren Sitzen auf und klatschen und klatschen. Corinne steht mit ihrer Familie und anderen, die im Film mitwirken, vor der Bühne, zittert, weint. Es ist raus.

Fast alle Reaktionen sind positiv. Aber es gibt auch ehemalige Mitschüler, die sich auf HIV testen lassen. Und einen Bekannten, der auf Whatsapp schreibt, dass er froh sei, dass nichts gelaufen sei zwischen ihnen, »so hart das jetzt auch klingen mag«.

Natürlich ist nicht plötzlich alles einfach. Nicht, wenn es um Sex geht. Noch ist Corinne Jungfrau. Jungs gab es, natürlich. Corinne ist hübsch. Wenn sie im Minikleid, mit blonder Mähne und roten Lippen auf irgendeiner Tanzfläche steht, wären Männer schon blind, wenn sie nicht hinguckten. Das weiß sie auch.

Auf Fuerteventura etwa hatte sie jemanden kennengelernt. Sie lagen am Strand, knutschten und dann hat sie es gesagt. Es, diesen Satz. Und er bekam Angst, sich schon beim Küssen anzustecken, auch wenn sie ihm sofort sagte, dass das nicht passieren könne. Sie hat es wiederholt und wiederholt. Später mailte sie ihm einen Brief von ihrer Ärztin. Aber Kontakt haben sie heute eher selten. »Was soll’s«, sagt Corinne. Der war’s eh nicht, kann man nichts machen. Man muss sehr direkt fragen, um von ihr zu hören: »Ja, das hat mich verletzt.« Dass Menschen Angst haben, versteht Corinne. Dass man manchen diese Angst nicht nehmen kann, weniger.

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Nach der Filmpremiere aber quält Corinne vor allem eine Frage: Was, wenn das im Robinson Club rauskommt? Über den Film wurde ja berichtet. Der Club steht vielleicht 3000 Kilometer entfernt auf einer Insel im Atlantik. Aber es gibt deutsches Fernsehen auf jedem Zimmer, deutsche Zeitungen am Kiosk. Ganz abgesehen vom Internet – auch wenn Corinne aufgepasst hat, dass die Facebook-Seite des Films nicht mit ihrer verlinkt wird.

Sie entscheidet zusammen mit ihrer Mutter, dass der Arbeitgeber es erfahren soll. Am Telefon sagt Corinnes Chef, was man so sagt: Danke für die Offenheit, wir müssen das mit der Zentrale besprechen. Robinson, das ist nicht nur ein Club auf Fuerteventura. Robinson, das ist ein Konzern mit Filialen auf der ganzen Welt. Nachts liegt Corinne im Bett und weint vor Angst, dass sie sie rausschmeißen.

Im Oktober 2015 sitzt Andreas Wittmann, 36, an einem Tisch im Robinson Club. Er ist der Chef hier, und er erzählt, dass es im Mai viele Telefonate mit der Zentrale in Hannover gab. Personalabteilung, Geschäftsführung, Presseabteilung, alle diskutierten: Was bedeutet das für den Reisekonzern, der eine Verantwortung für seine Gäste hat?

»Aber es war eben klar: Es gibt keine Gefahr«, sagt er. Club und Zentrale entscheiden: Corinne soll wiederkommen. Als sie zurück ist, bespricht Wittmann mit Corinne, wie sie es den Mitarbeitern sagen. Sie erarbeiten ein Infoblatt, die Zentrale richtet eine anonyme Hotline ein, für Mitarbeiter, die Angst haben – oder Fragen, die noch nicht beantwortet wurden.

Auf Corinnes HIV-Infektion haben ihre Kollegen ganz anders reagiert als erwartet: mit Respekt vor ihrer Offenheit.

Auf Corinnes HIV-Infektion haben ihre Kollegen ganz anders reagiert als erwartet: mit Respekt vor ihrer Offenheit.

Gut zwei Wochen nach der Premiere des Films, ein Sonntagabend auf Fuerteventura. Im Club heißt das: Showtime. Es ist kurz vor neun, Corinne und die anderen Tänzer der Show »Avenue 48« ziehen backstage 30er-Jahre-Kleidung an, tuschen Wimpern, gelen Haare. Dass es heute so unruhig ist, liegt nicht an der Show, die haben sie drauf. Es liegt an diesem Meeting, kurzfristig einberufen, um Viertel nach elf abends noch. Was ist da bloß los?

Corinne sieht, wie die anderen tuscheln. Sie steht vor der Spiegelwand, schminkt sich und denkt: Gleich werden sie es wissen. Morgen schon könnte ihr neues Zuhause ein Ort sein, an dem sie zwar arbeiten darf, aber nicht mehr willkommen ist. Sie zieht die Show durch, tanzt danach den Clubtanz in der Bar, wie immer; dann noch drei Tänze zum Stimmungmachen, wie immer. Mit jedem Lied, das zu Ende geht, rückt die Wahrheit näher.

Corinne sitzt mit ihren Kollegen im Kinosaal. Andreas Wittmann sagt: »Wir haben einen Anruf einer besorgten Mutter bekommen. Es geht um ihre Tochter, die hier bei uns im Club arbeitet. Dieses Mädchen musste in seinem Leben schon einiges durchmachen, und darüber hinaus trägt es seit vielen Jahren ein Geheimnis mit sich.« Dann läuft dort, wo sonst Kinderfilme gezeigt werden, ein Beitrag aus der »Abendschau« des BR über Corinnes Film. Knapp drei Minuten. Auf der Leinwand sagt das junge Mädchen: »Hallo, ich bin die Corinne!« Auf der Leinwand sagt die junge Frau: »Jetzt ist es halt einfach vorbei.« Sie meint das Outing. »Was heißt vorbei: Jetzt fängt es erst richtig an.« Das Licht geht an. Stille. Andreas Wittmann erläutert Corinnes Krankheitsbild und ihr nicht vorhandenes Ansteckungsrisiko.

Zum Schluss stehen ihre Kollegen auf und klatschen. Tränen. Umarmungen.

In den nächsten Wochen bekommt Corinne etwas, das sie nicht erwartet hätte: Respekt. Manch einer der älteren Mitarbeiter fängt jetzt überhaupt erst an, sie wahrzunehmen.

Da ist Ralf aus der Verwaltung, Ende dreißig. Er wirkt wie einer dieser »Ich arbeite, wo andere Urlaub machen«-Typen: braun gebrannt, gut aussehend, super drauf. Aber: Früher war er mit der Bundeswehr im Einsatz. Bosnienkrieg. Danach hat er lange genug mit seinen eigenen Dämonen gekämpft. Er weiß: Man darf niemals jemanden für schwach halten, der zugibt, dass er was hat. Corinne lernt, wie viel zurückkommt, wenn man sich traut, etwas von sich preiszugeben. Ralf und sie reden über alles. Und er, der Ältere, sagt über »das Küken«, dass sie sofort merkt, wenn es ihm nicht gut geht, dass sie nachbohrt und ihn aufbaut. Er sagt: »Sie redet dich stark.«

Da ist Dirk aus dem Service, den manche den »Clubseelsorger« nennen. Ein Mittfünfziger mit dröhnendem Bass, der nach den vielen Coronas klingt, die er raucht, auch wenn er sagt, dass er die Stimme schon immer hatte. Mit ihm sitzt Corinne nächtelang in der Bodega, er bringt ihr Spanisch bei und eine Menge über das Leben.

Und da ist Janina, 19, Corinnes Mitbewohnerin, seit vier Monaten im Club. Das mit der HIV-Infektion hat sie so zur Kenntnis genommen wie die Information, wo Corinne auf der Schule war oder was sie am liebsten isst.

In Bayern hatte Corinne wenig enge Freunde, vielleicht, weil Freundschaft sich nicht mit Geheimnissen verträgt. Umso mehr kostet sie jetzt die Zeit mit Janina aus, die ihre beste Freundin geworden ist. Corinne, die sonst wie eine Dreißigjährige redet, wirkt mit ihr wie fünfzehn, die beiden reden und kichern und whatsappen den ganzen Tag. Zum zwanzigsten Geburtstag hat Janina ihr zwanzig Karten geschenkt, auf jeder steht etwas, das Corinne ist. Etwa: »Die tollste Mitbewohnerin und Quatschpartnerin, genauso verrückt wie ich, allerbeste Freundin.«

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Ausgerechnet im Club, diesem künstlichen Paradies, wo Mitarbeiter und Gäste ständig wechseln und Begegnungen oft über Smalltalk nicht hinausgehen, hat Corinne gefunden, womit sie nicht gerechnet hat: echte Freunde.

Wäre also auch in Bayern alles einfacher gewesen, wenn sie früher die Wahrheit gesagt hätte? Es ist eine Frage, die Corinne nicht mag. Das berühmte »Was wäre gewesen, wenn?« – darüber will sie nicht nachdenken. Vielleicht auch, weil es verdammt wehtun könnte. Corinne, die von Kindheit an stark sein musste, fällt es manchmal schwer, schwach zu sein.

Aber es ist der Grund, wieso sie sich für den Film entschieden hat: Sie weiß, wie viele andere infizierte Jugendliche es gibt, die sich nicht trauen, die Wahrheit zu sagen. Aus Angst, danach alleine dazustehen. Und das, weiß Corinne jetzt, stimmt gar nicht.

Die Hotline, die extra eingerichtet wurde, um die besorgten Fragen ihrer Kollegen zu beantworten, hat nie jemand angerufen.

DEN FILM »CORINNES GEHEIMNIS« zeigt das ZDF am 7. Dezember um 0.25 Uhr. Eine Kurzfassung gibt es schon am 1. Dezember um 22.15 Uhr in der Reihe »37 Grad«.


Dieser Text ist in der Ausgabe 12/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

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  • Wolfgang Russ sagt:

    Den Film gibt es noch immer in der Mediathek zu sehen.
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/2604542/Corinnes-Geheimnis

  • H. Straßner sagt:

    Hallo. Ja, bin wohl etwas zu alt für diese Seite, 54. Fachanwalt für Strafrecht und mit nahezu allen Lebensschicksalen konfrontiert. Mich hat selten, eher nie, eine Dokumentation so beeindruckt. Corinne, eine Bereicherung für die Welt, ein unglaublich kraftgebender Mensch. Wer sie zum Freund hat, wird nie allein sein! HS

  • Niko König sagt:

    Sehr geehrte Frau Geilich,

    bitte hören Sie auf ihre Lügen über HIV und Verschwörungstheorien im Internet zu verbreiten. Es ist absolut nicht Zielführend falsche Versprechungen über ein einfaches HIV Heilmittel zu verbreiten. Kritik an der Pharmaindustrie mag in bestimmten Fällen berechtigt sein, jedoch nicht aufgrund von fadenscheinigen Behauptungen.

  • Sehr geehrte Frau Corinne Cichacki und und Andrea Pothast

    in der Sendung von M. Lanz über „Wahrheit“ bin ich auf ihre Situation aufmerksam geworden .
    in der Regelungen einer Erbschaftangelegenheit mit kriminellen Machenschaften in der Justiz muste ich feststellen , d ass in unseren Demokratien als institutionelle Scheindemokratien ohne Teilhabe der Bürger an der aktuellen Realpolitik diese unterlaufen werden könne und als Rechtsstaaten ausgehebelt werden können ohne effektive Gewaltenteilung . So habe ich bei Recherchetätigkeiten als Fachärtzin für Innere Medizin durch fackompentete Stellen ebenfalls erfahren, dass eine einfache und preiswerte Heilugn von AIDS existiert , dals aG´HIV -Elimienriugnstherapie schons iet den 90 er Jahren bekannt ist. Ich habe mcih schon vor Jahren verschiednen AIDS Gemeinschaften betroffenenr gewand , diese Informationen sind aber offensichtlich nicht weitergegeben worden.
    So könen sie sicher sein ,dass auch die Medienvertreter und die Ärzte in den Fachablteilungen davon wissen , aber diese Kenntnisse seit den 90 er Jahren durch alle Bundseregierungen geheimdienstlich zum nachteil von politischen Kritiker angewand werden, da man ihnen den Zugang zur Diagnostik und damit auch zu lebenerhaltenden Therapien unterbindet. Dabei machen gleichzeitig die Pharmakonzerne mit teueren lebenslang einzunehemden herkömmlichen Medikamenten einen riesigen Profit .
    Bitte geben Sie diese Informationen an andere weiter und sichern sie den Blog!
    Die Therapiechema stehen im Blog: RMGeilich.blogspot.com
    mit freundlichen Gruessen
    Dr. med Regina -Maria Geilich

  • Claudia M. sagt:

    ich habe gerade die 37 Grad Sendung in der Mediathek
    angesehen – das als Tip für Menschen, die früh zu Bett müssen – ich wünsche Corinne ein schönes erfülltes Leben und freue mich über das Vorgehen des Robinson Teams – und ihrer Kollegen …
    Danke für den ausfühlichen und gut geschriebenen Artikel

  • dirk sagt:

    Corinne, als langjähriger RobinsonKunde bin ich sehr beeindruckt und positiv überrascht, wie Robinson mit Dir und Deiner Offenheit im Ergebnis umgegangen ist – sicher nach einem längeren internen Bewertungsprozess. Nichtsdestotrotz scheint es so, als ob in Hannover humanistisch sozialisierte Manager unter ethischen Gesichtspunkten verantwortlich handeln. Das freut mich sehr, da ich dies tatsächlich nicht erwartet hätte.

  • M.K. sagt:

    Super Artikel!
    Sehr schade und ärgerlich, dass der Film zu so einer unmmöglichen Sendezeit läuft. Ich hätte ihn gerne gesehen.