Metaheld, Leider geil

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In »Deadpool« darf Ryan Reynolds endlich Arschloch sein: Als blödelnder Antiheld in rotem Latex mordet er sich durch die Gegend. Das ist zwar flach, aber hundertmal besser als jeder Superhelden-Film der letzten Jahre.

Text: Johanna Roth | Foto: 20th Century Fox

Hast Du etwas gegen a) Marvel-Comics, b) Flachwitze, c) Gehirnmasse oder d) Ryan Reynolds? Dann wirst Du »Deadpool« vermutlich nicht sehen wollen. Trotzdem solltest Du das dringend tun. Zwar besteht der Film zu einem Großteil aus großformatigen Kopfschüssen und Schlimmerem, gepaart mit blöden Sprüchen über Blowjobs sowie Nahaufnahmen von Reynolds’ Hintern in »red spandex«. Er ist aber trotzdem hundertmal besser als alles, was an Comicverfilmungen in den letzten Jahren im Kino lief.

Die Story: Wade Wilson (Ryan Reynolds) ist ein harter Junge, der Leute für Geld bedroht. In einer Bar lernt er die tätowierte Schönheit Vanessa (Morena Baccharin) kennen, die genauso einen Knall zu haben scheint wie er. Nach einiger Zeit voll wildem Sex und zutiefst sympathischen Liebeserklärungen (»God, it’s like I made you in a computer«) bekommt er die Diagnose Lungenkrebs, unheilbar. Um für sein Mädchen weiterzuleben, lässt Wade sich auf einen ziemlich unseriösen Anzugmenschen ein, der ihm verspricht, ihn nicht nur wieder gesund zu mache, sondern sogar besser als vorher.

Völlig klar, dass das keine schöne Zeit für den armen Wade wird. Implantate, Chemikalien-Waterboarding und ein sadistischer Superhelden-Frankenstein im Körper eines Männermodels: Ajax aka Francis (Ed Skrein) ist an Gemeinheit kaum zu überbieten. Natürlich geht das Ganze fürchterlich schief: Wade befreit sich und schwört Rache, sieht aber durch die Torturen aus wie ein Hoden mit Zähnen, wie er selbstkritisch feststellt. So will er Vanessa nicht unter die Augen treten – und metzelt sich stattdessen bis zu Francis durch,
 um seinen Frust an ihm auszulassen.

Das klingt total bescheuert. Ganz ehrlich: Das ist es auch. Aber gerade das macht den Film so gut. Es geht hier nicht um einen Kerl, der mit Superkräften die Welt retten will und dabei auch noch gut riecht. Sondern darum, dass Antihelden die besseren Helden sind, wenn man sie mal ranlässt. Als Deadpool darf Ryan Reynolds endlich mal das Arschloch sein. Und das macht er sehr gut. Brutal und fies, trotzdem sympathisch – und vor allem witzig. Dazu ist er leider immer noch ziemlich sexy, trotz kunstvoll zerstörtem Gesicht.

Paradoxerweise macht ihn das massentauglicher als die gegelten Supermänner, die es sonst so in Comicverfilmungen gibt: Eine so hemmungslos überzeichnete »Ich will mein Mädchen retten«-Story schaut man sich viel lieber an, wenn ihr Erzähler dabei nicht so tut, als wäre er einfach nur ein normaler Typ.

Deadpool ist ein Konstrukt, ein Metaheld. Deshalb kommt auch kaum eine Szene ohne popkulterelles Verweisspiel aus. Er bekomme diesmal leider nur Unterstützung von zwei X-Men, erklärt Deadpool dem Publikum direkt in die Kamera – für mehr habe das Geld der Produktionsfirma nicht gereicht. Eine der beiden ist »Negasonic Teenage Warhead« (Brianna Hildebrand), die erst fertig twittern muss, bevor sie Francis’ grobschlächtige Gehilfin Angel Dust (Gina Carano), die Deadpool nur »Rosie O’Donnell« schimpft, per Feuersturm auf den nächsten Schrotthaufen schickt.

Der Film wirkt, als hätten sich die Macher (Regisseur Tim Miller, X-Men-Produzentin Lauren Shuler Donner und Ryan Reynolds als Co-Producer) gedacht: Wir machen jetzt einfach mal nichts, was sich sonst gut verkauft bei Comic-Blockbustern. Keine glänzenden Helden, keine vor Angst zitternde Blondine, keine jugendfreien Schnitte zwischen Lichtblitz-Superkämpfen. Stattdessen: Viel, viel Blut. Deadpool findet Helden albern, verschont kaum eine Minderheit mit seinem Humor und lässt sich von Vanessa von hinten nehmen.

Kurz: Einen Film zu machen, bei dem sogar schon der offizielle Trailer auf Youtube altersbeschränkt ist, muss man erst mal schaffen. Anscheinend wurde aber an einer Stelle dann doch gespart: Was bei »Deadpool« wirklich, wirklich gar nicht geht, ist deutsche Synchronisation. Sprüche wie »You look like Freddy Kruger facefucked a topographical map of Utah« sind 1:1 übersetzt einfach nur peinlich. Ryan Reynolds’ Stimme macht außerdem mindestens 50 Prozent der Antihelden-Sexiness aus.

Vermutlich wird es über »Deadpool« nur zwei Meinungen geben: Leider geil. Oder: Totale Geldverschwendung. Es lohnt sich aber, das rauszufinden. Dieser Film wird Dein Leben verändern. Und sei es nur dahingehend, dass Du nie wieder in irgendwas gehst, was auch nur den Anschein einer Comicverfilmung hat. Aber dann bist Du halt Mainstream.

Den Film »Deadpool« könnt ihr ab Donnerstag in den deutschen Kinos sehen.

NEON Redaktion
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