Schwenke probiert: Selfiestick

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Ego-Zepter oder doch ein nützliches Werkzeug? Unser Autor versucht, sich ein zeitgemäßes Bild zu machen.

Bei den meisten verbotenen Dingen hat es nach ihrer Erfindung eine Weile gedauert, bis man sie nicht mehr benutzen durfte: Musiktauschbörsen, den Netztaxidienst Uber oder den einst so beliebten Hustensaft Heroin. Insofern eine reife Leistung, dass der Selfiestick nur ein paar Monate gebraucht hat, um sich die ersten Verbote in Stadien, Museen und auf Festivals einzuhandeln. Weil man dort Angst hat, dass doofe Touristen mit dem Teil Bilder von der Wand wischen. Oder anderen die Sicht nehmen. Oder sie verhauen.

In Touristenaufmarschgebieten ohne Einlasskontrolle sind sie weiterhin erlaubt. Darum stehe ich jetzt am Branden­burger Tor und mache testweise Bilder von mir selbst. Ist der Selfiestick wirklich so verbreitet, dass er Leib, Leben und Kunstschätze gefährdet? Na ja. In einer Stunde zähle ich in Berlin-Mitte sieben Selfiestick-Nutzer. Ungefähr doppelt so viele Menschen gucken mich schräg an. Zwei, die gerade an einer Segway-Stadttour teilnehmen, fragen mich, was zur Hölle das ist. Und dann, wie es funktioniert.

Letzteres hatte ich mich vor dem Test auch gefragt. Wird da per Seilzug ein künstlicher Daumen auf den Auslöser gepatscht? Nein, schade, da ist bloß eine Taste im Griff, die ein Bluetooth-Signal an das Smartphone sendet, und das macht dann ein Foto. Eigentlich eine cleverere Erfindung. Bloß sieht man mit dem Teil halt aus wie ein Orang-Utan, der gerade einen Bambusstock als Werkzeug entdeckt hat.

Die Bilder sind dafür gar nicht schlecht. Die meisten Selfies wirken wegen des angestrengt weggestreckten Arms ja so, als hätte man mit angestrengt weggestrecktem Arm ein Bild von sich gemacht. Wenn man den Selfiestick aber ganz auszieht und die Kamera so neigt, dass man die Stange nicht sieht, kann man auch als allein reisender Misanthrop so rüberkommen, als hätte man Freunde, die einen auf den gemeinsamen Reisen ständig lustig fotografieren. Auch wer gern eine Bilderserie von sich selbst von oben machen würde, wird glücklich. Nicht glücklich wird, wer einen Rest Würde bewahren möchte. Man sieht mit dem Teil halt aus wie der Tambourmajor eines Amateur-Karnevalvereins.

Ein unterschätzter Vorteil allerdings: Schaltet man die ­Kamera aus dem Selfie- in den Normalefotosmachmodus, kann man heimlich Bilder von Unbekannten aus penetrant übergriffiger Nähe machen. Kommt ja kein Mensch auf die Idee, dass man ihn und nicht sich selbst fotografiert, wenn man einen halben Meter vor seinem Gesicht mit dem Stick rumfuchelt und dabei mit Schnute in die Kamera grinst. Das ist für etwa zwei Minuten ganz lustig.

Rechtfertigt das eine Anschaffung? Geht so. Denn, nicht vergessen: Man sieht mit dem Teil halt schon auch aus wie ein übermäßig selbstbezogener Honk, der sich seiner eigenen Existenz ständig dadurch versichern muss, dass er auf Fotos nachschaut, ob er noch da ist.

Nach einer Stunde fragt übrigens ein älterer ­Amerikaner, ob ich so nett wäre, kurz ein Foto von ihm und seinen drei Reisebegleitern zu machen. Es folgt dann ein ganz lustiges Gespräch.


Vorschläge für Schwenkes nächsten Auftrag an: ausprobieren@neon.de

Dieser Text ist in der Ausgabe 05/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen. Eine Übersicht der »Kaufen«-Kolumne findet ihr hier.

Philipp Schwenke
Philipp Schwenke stellt sich der Zukunft und testet für NEON jeden Monat ein neues Produkt oder einen Trend.
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  • Rolf Geise sagt:

    Hallo Philip hab da ein cooles passendes Video gefunden auch bezüglich audio schau mal: https://youtu.be/IP2Ydr_cfOk

  • Alina sagt:

    So ein Selfiestick kann sehr praktisch sein, wenn man im Urlaub ist und ungerne fremde Leute das Smartphone anvertraut. Dann sind die Selfiesticks echt super!

  • Jürgen sagt:

    Früher hat man noch andere Leute kennengelernt, nur dadurch, dass man sie wegen einem Foto angesprochen hat, das passiert durch einen Selfie-Stick immer weniger, eigentlich schade…

  • Daniel sagt:

    „wenn man einen halben Meter vor seinem Gesicht mit dem Stick rumfuchelt und dabei mit Schnute in die Kamera grinst. Das ist für etwa zwei Minuten ganz lustig.“

    Geil :D
    Ich habe so ein Teil noch nie ausprobiert, nehme es aber in der Öffentlichkeit immer öfter wahr. Generell bin ich nicht so der Selfie-Mensch und mache selbst bis auf seltene Ausnahmen keine Selfies.