Wolkenschlösser

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Das Cloud-Rap-Phänomen spaltet die HipHop-Welt und verpasst dem Genre ein zeitgemäß-skurriles Update.

Text: Jurek Skrobala | Foto: bit.ly/LGonnyCologne

LGoony verprasst sein Geld nicht, im Video zu »Millionen Euro« verbrennt er gleich 500-Euro-Scheine. Der Kölner, Anfang zwanzig, ist schmächtig, trägt gern ein Shirt, auf dem »Döner Kebab« steht, läuft in seinem Video aber durch Luxuskaufhäuser und rappt: »Ich habe Money, und das ist die Aussage.«

LGoony macht Cloud Rap. Dieses Phänomen wabert durchs Netz wie eine Kumuluswolke. 2010 prägte der Rapper Lil B einen Stil, der sich vom klassischen Sound des Mainstream-HipHop absetzen und, so der Mythos, nach Wolkenschlössern klingen sollte. Übersetzt heißt das: Cloud Rap ist überzeichneter, grotesker Hip Hop. Cloud Rap im Sinne von Lil B war frisch, luftig und bestand aus Beats, die an Klapperschlangen erinnerten. Was jetzt in Deutschland unter dem Etikett Cloud Rap firmiert, bezeichnet weniger einen Sound als eine freche Attitüde.

In jeder Musikgattung suchen irgendwann junge Wilde nach neuen Formen. Sie loten die Möglichkeiten aus, überschreiten Grenzen. Rock ’n’ Roll war in den 60er Jahren absoluter Mainstream, weshalb Punk wenig später die Amateure zu Stars erhob und Glam Metal in den 80er Jahren enge Hosen und Hedonismus so sehr verinnerlichte, dass man sich nicht mehr sicher war: Meinen die das eigentlich ernst?

Ähnliches machen nun die Cloud Rapper, mixen einen überzuckerten Cocktail aus Dilettantismus und Überstilisierung. Der Respekt, so wichtig für den HipHop, weicht einer unwirklichen Überbetonung von Rap-Klischees. Während Haftbefehl seinen Karriereweg vom Niemand zum Babo berappt, beginnen die Mittelschichtjungs um LGoony gefühlt ganz oben: Fantasie statt Autobiografie.

Das wirkt oft kindisch, führt in guten Momenten aber die Standardposen des HipHop vor (ohne sich wie Jan Böhmermann mit »Ich hab Polizei« als Satiriker zu positionieren).

Der deutschsprachige Cloud Rap geht zurück auf Money Boy, einen Facebook-Freund von LGoony: Der blasse Wiener veröffentlichte schon vor einiger Zeit »Dreh den Swag auf«, in dem er sich schief als »rich nigga« stilisierte. Das Netz schmunzelte, die Rap-Community lachte schallend. Doch wenig später hatte das Video zwanzig Millionen Klicks bei Youtube.

Auch der Cloud Rapper Yung Hurn stammt wie Money Boy aus Wien. Seine Raps sind trotz übermäßigem Autotune-Einsatz recht schief, die Texte springen dadaistisch zwischen Liebe, Ruhm und, klar, Geld hin und her. Und dann gibt es noch MCs mit tollen Namen wie Medikamenten Manfred und Hustensaft Jüngling, denen es nie um Authentizität, sondern immer um ironische Übertreibung ging. Ein Song von Hustensaft Jüngling beginnt mit der Zeile »Ich will alles, alles, alles, alles, alles«. Was will man mehr?

Cloud Rap ist HipHop im Zeitgeist der Digital Natives und verbreitet sich im Netz über spontan gedrehte Clips oder krude Photoshop-Collagen. »Street Credibility« auf dem Datenhighway. Leider klingen die Tracks oft so, als hätte man sie mit dem Smartphone aufgenommen. Und ähnlich viele Gedanken reingesteckt wie in eine besoffene SMS um drei Uhr morgens. Absolut möglich, dass diese demokratisch gesenkten Zugangsschranken uns bald den neuen Mike Skinner bescheren. Wir müssen es nur schaffen, ihn in dem 08/15-Autotune-Cloud-Rap-Rauschen zu hören.


Dieser Text ist in der Ausgabe 02/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

Jurek Skrobala
Jurek Skrobala will Geheimrat werden, wenn er groß ist. Weil das so schön kryptisch klingt. Die passenden Ecken hat er schon.
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