Exportschlager

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Eine junge Deutsche geht nach dem Abi als Freiwillige nach Afrika. Sie will helfen, wie viele andere auch. Aber ihr kommt etwas dazwischen: Deena wird gerade Popstar in Uganda.

Fotos: Anne Ackermann

Deena kennt das, diesen kurzen Augenblick, wenn sie auftritt und die Schockstarre einsetzt. Einmal hat sich das Publikum ein ganzes Lied lang nicht bewegt; nur gestarrt und geschwiegen. Deena hatte das Gefühl, die Menge hasse sie.

An diesem Abend passiert es wieder. Die Freedom City Mall, eine Konzerthalle in Ugandas Hauptstadt Kampala, Deena steht auf der Bühne, ganz in Gold, ihr Paillettenkleid, die High Heels, die Fingernägel. Nebelschwaden umwehen sie. Lässiger Afropop kommt vom Band, sie singt live dazu, geht auf und ab. Vor ihr sitzen 15 000 Menschen und schauen, als würden sie einen Kinofilm verfolgen, kein Konzert. Sie schauen und starren und schweigen.

Nein, hat man ihr damals gesagt, Hass sehe anders aus. Die Menschen würden dann rufen und schreien, erst Sachen auf die Bühne werfen und später sie aus dem Club. Alles, nur nicht schweigen. Das machen sie, weil sie geschockt sind, von diesem ihrem neuen Popstar. Ihrem Wunder. Ihrer Deutschen.

Wenn sie die Augen schließen, sagen Zuhörer, dächten sie, eine Uganderin würde singen. Deena singt in Luganda, einer der meistgesprochenen Sprachen Ugandas. Sie wird deshalb oft »Omuzungu ayimba oluganda« genannt die Weiße, die auf Luganda singt.

Deena ist 22, und vor einem Jahr noch war sie eine von Hundertausenden junger Menschen, die gerade mit ihrem Studium begonnen hatten. Mittlerweile hat sie drei Singles veröffentlicht, die im ugandischen Radio laufen, im Fernsehen, und die auf Youtube tausendfach geklickt und geteilt werden. In Freedom City singt sie auf einem Festival mit den größten Popstars des Landes.

Eigentlich war sie bloß nach Afrika gekommen, um Straßenkindern zu helfen. Das zumindest war die Idee, als Deena, aufgewachsen in Baden-Baden, urdeutsche Kindheit in Deutschlands Südwesten, nach dem Abi ihre Heimatstadt verließ. Jetzt steckt Deena, halb Entwicklungshelferin, halb Popstar, plötzlich in einer Karriere, die sie manchmal selbst zu überholen scheint.

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Die 22-Jährige aus Baden-Baden in der Welt des Afropop: Am Set in Jinja, im Süden von Uganda, spricht Deena mit ihrem Regisseur. sie drehen gerade das neue Video zu dem Song »Kankuleke« es geht darin um viel Herzschmerz.

Ein paar Tage vor ihrem Auftritt in Freedom City liegt Deena auf der Terrasse einer Lodge mit Blick auf den Nil. Es ist Nachmittag, sie trinkt ein Bier und ist genervt. Eigentlich wollten sie jetzt das Video zu ihrer dritten Single drehen, sie ist extra aus Kampala hergekommen, Salomon hat sie gebracht, ihr Fahrer, Bodyguard, Assistent. Als sie dann aber nach langer Fahrt in Jinja ankamen, sagte ihr der Regisseur, sie müsse bis nach Sonnenuntergang warten. Im Dunkeln sähe die Szene besser aus. »Das darf nicht passieren«, sagt Deena auf der Terrasse. »Auch nicht in Uganda. Ich kann jetzt nicht vier Stunden warten, das geht im Musikbusiness einfach nicht.« Sie blickt auf einen Fernseher, es laufen Musikvideos aus Namibia: Männer in teuren Sportwagen und Frauen in knappen Outfits, große Villen, perfekte Choreografien. »In Namibia ist das alles so viel professioneller«, sagt sie. »Ich brauche hier auch bald mein Team, mit Tänzern, und dann will ich auch so aufwendig produzierte Videos haben.«

Würde man in Deenas Leben zurückspulen, man würde immer wieder auf eines stoßen: Musik. Ihre Biografie, eine Abfolge von Instrumenten und Bühnenrollen: Kindergarten und Grundschule? Singen, Blockflöte, Querflöte. Gymnasium? Chor, Gitarre, Orchester. Mit zwölf beginnt sie, in Musicals mitzuspielen. »Tanz der Vampire«, »Fame«; nicht lang, dann spielt sie auch Hauptrollen. Manchmal steht sie nachmittags in der Fußgängerzone von BadenBaden, allein mit ihrer Gitarre und ihrer Stimme. Sie mag es, vor Passanten zu spielen, covert Britney Spears, Lady Gaga, Eminem, und an guten Tagen hat sie 150 Euro in drei Stunden verdient.

Was sie aber auf jeden Fall bekommen hat, das ist Aufmerksamkeit. »Ich funktioniere halt im Spotlight«, sagt Deena über sich. Woher sie das habe? Das weiß sie auch nicht. Ihre Familie sei ganz anders, »die sind eher backstage«, sagt sie.

Als das Ende ihrer Schulzeit näher rückt, überlegt Deena kurz, professionell Musik zu machen. Eigentlich soll Singen nur Hobby sein, ein Zeitvertreib. Aber Lehrer und Freunde drängen sie, es wenigstens zu versuchen. Sie bewirbt sich an der Stage-Musicalschule in Hamburg und kommt in die Finalrunde. Das Auswahlwochenende aber liegt einen Tag vor einer Abiprüfung. Sie sagt ab. Und bewirbt sich nie wieder.

Stattdessen geht sie nach Afrika. Sie weiß nicht viel über den Kontinent, aber sie hat in ihrer Kindheit oft »Tarzan« geguckt und sich damals vorgenommen, einmal nach Afrika zu gehen. Ihr neuer Plan ist somit ein alter Traum. Sie will jetzt Straßenkindern helfen. Es verschlägt sie nach Ruanda, in Ugandas Nachbarland. Sie arbeitet als Freiwillige an der Grenze zum Kongo. Deena spielt mit Straßenkindern, bastelt, wandert mit ihnen. Sie gibt Gitarrenunterricht und sucht die Familien der Kinder auf, weil sie verstehen will, warum Kinder hier auf der Straße landen. Sie will helfen, aber vor allem: sich anpassen. So sein wie die Ruander. Sie trägt Kleider aus bunten Stoffen, isst Maisbrei mit den Händen, lernt fließend Kinyarwanda sprechen. Fast Überassimilation, mehr geht kaum. Am liebsten, sagt sie, wäre sie schwarz geworden.

Als einmal Explosionen die Stadt erschüttern, vermutlich fehlgeleitete Granaten von einem Gefecht im Ostkongo, werden alle Freiwilligen evakuiert. Deena will zunächst bleiben. Niemanden zurücklassen.

Sie will das Leben der Menschen entdecken und die Länder um sich herum. Sie weiß, Afrika wird eine Episode für sie sein, und die will sie nutzen. Mit Freunden macht sie Kurzurlaube in Uganda, Safaris in den Nationalsparks, unternimmt Wanderungen im Regenwald. Mitte 2013 verbringt sie einige Tage in Ugandas Hauptstadt Kampala. Und dort, an einem Abend im Mish Mash, einem Club im Zentrum, schlägt der Zufall zu.

Es ist Donnerstag, Open Stage, und einer ihrer Freunde nötigt sie: Komm, geh auf die Bühne, sing für uns. Sie lässt sich überreden. Und tritt ans Mikro.

In der Lodge in Jinja steht Deena in der Damentoilette und schminkt sich für den Videodreh. Lidschatten, Rouge, Kajal, noch immer hadert sie damit. In ihrem alten Leben hat sie sich fast nie geschminkt, und auf keinen Fall so üppig. Deena ist mit zwei Brüdern aufgewachsen; sie kann Fußball spielen und weiß, wohin man schlagen muss, damit es wehtut. Für Make-up und Mode hat sie sich nie interessiert. Aber das ist jetzt der Zwang des Erfolgs, und es ist nicht der einzige.

Deena genießt den Ruhm, die Aufmerksamkeit, sehr sogar. Sie sammelt alle Artikel, die über sie erscheinen, und sagt: »Ich merke doch, wie die Leute über mich tuscheln.« Aber das alles kostet Kraft. Privat schottet sie sich ab. Sie bittet mehrmals darum, ihren echten deutschen Namen nicht zu benutzen. Also einfach Deena. Eine Kunstfigur wie eine Maske, die sie irgendwann abstreifen kann, wenn es ihr zu viel wird.

Sie hat keine PR-Experten, keine Berater, die sie dazu bewegt haben. Sie sagt von selbst Sätze wie: »Ich trenne meine Karriere von meinem Privatleben, um mich und meine Familie zu schützen«, oder: »Ich darf nicht vergessen, wo ich herkomme«. Sätze, die junge Fußballprofis sagen und Hollywoodstars. Sätze, die Menschen sagen, wenn sie merken, dass sie dabei sind, die Kontrolle zu verlieren. Ihr Mittel: Abgrenzung als Selbstschutz.

Früher, da fuhr sie mit dem Boda-Boda durch die Stadt, das sind die Motorradtaxen Ugandas. Ohne Helm und ohne schlechtes Gewissen. Heute darf sie das nicht mehr. Ihr Manager hat es verboten, es steht sogar im Vertrag. Sie nimmt jetzt einen Golf IV GTI, der hat abgedunkelte Scheiben und auf der Heckklappe prangt in silbernen Lettern »DEENA«. Sie hat einige Freunde in Kampala, aber es werden nur langsam mehr. Sie traue einfach weniger Menschen. »Ich muss aufpassen. Wenn man bekannt ist, wollen plötzlich sehr viele dein bester Freund sein.«

Als Deena schließlich frisch geschminkt für den Videodreh beim Filmteam ankommt, sucht der Regisseur gerade ein altes Auto. Schnittmaterial soll gedreht werden, Close-ups. Gestern hatten sie schon Deena in einem alten Mercedes gefilmt. Für die Nahaufnahmen fehlte die Zeit. Jetzt fehlt das Auto. Sie müssen improvisieren. An einer Tankstelle entdecken sie einen alten Peugeot Pick-Up. »Der ist videotauglich«, sagt der Regisseur. Minuten später sitzt Deena im Wagen. Die Tankstelle wird zum Set. Scheinwerfer aufstellen, Schienen für den Kamerawagen auslegen, und Action! Deena schlägt aufs Lenkrad, kratzt an den Scheiben, reibt sich immer wieder ein Stück Zwiebel unter die Augen, um weinen zu können. In ihrem neuen Lied geht es um eine unglückliche Liebe, eine aussichtslose Beziehung, bis die Frau das Drama beendet. »Kankuleke«, heißt das Lied: Ich lass dich gehen.

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Girl next door: Deena in Alltagsklamotten auf den Straßen von Wandegeya, dem Studentenviertel von Kampala. abends wird sie zur »German diva«.

2013. Kampala. An jenem Donnerstag im Club Mish Mash sitzt auch Faizel an der Bar. Er trinkt mit Freunden, und nebenbei hören sie den Musikern zu. Faizel, damals 32, ist Produzent. Früher war er selbst Sänger, einer der erfolgreichsten Musiker Namibias, wie er sagt, und einer der exzentrischsten. Er trank viel, feierte oft, sagte Konzerte spontan ab, weil er Hunderte Kilometer entfernt nachmittags mit einem Kater aufwachte. Der Erfolg brannte sich so lange in seinen Kopf, bis Faizel dachte, er könne alles alleine schaffen: Management, Produktion, Booking. Er feuerte alle. Und scheiterte. Danach nahm er sich vor, im Hintergrund zu bleiben. Stattdessen: Andere groß rausbringen. Zwei Musiker in Namibia hat er 2013 schon unter Vertrag, aber sie schaffen nicht den Durchbruch. Er sucht weiter, ohne wirklich zu wissen, wen oder was. Ein ehemaliger Star ohne Orientierung.

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Deena lässt sich in einem Schönheitssalon ihre geflochtenen Zöpfe zu einer Hochsteckfrisur zusammennähen. Manchmal wünscht sie sich, sie wäre als Schwarze geboren.

Dann sitzt er an diesem Abend in der Kneipe und hört dieses Mädchen auf der Bühne, Anfang zwanzig, dunkelblond, offensichtlich aus Europa. Gerade noch hat sie auf Englisch gesungen, jetzt stimmt sie ein Lied auf Kiswahili an, »Valu Valu« von Jose Chameleone, dem Justin Timberlake Ugandas. Ihre Stimme ist nicht eingängig, der Sound nicht kraftvoll. Aber die Art, wie sie singt, wie sie die Wörter ausspricht, lässt ihn aufhorchen. Nach dem Lied gibt er ihr seine Visitenkarte. Er scheint gefunden zu haben, wonach er sucht.

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Deenas Manager Faizel war früher selbst ein gefeierter Sänger in Namibia. Er entdeckte die Deutsche bei einem Open-Stage-Abend in einer Kneipe in Kampala.

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Ihren echten deutschen Namen will Deena nicht verraten. Ihr Privatleben soll sich nicht mischen mit ihren Auftritten, wie hier in der Freedom City Mall in Ugandas Hauptstadt.

Zwei Jahre läuft er Deena hinterher, schreibt ihr E-Mails, telefoniert. Deena ist inzwischen zurück in Deutschland, hat ihren Freiwilligendienst beendet und angefangen, Soziale Arbeit in Berlin zu studieren. Musik ist ihr Hobby. Mehr nicht. Faizels verrückte Idee, sie in Uganda groß rauszubringen, lächelt sie weg. Selbst als Faizel sie einmal in Deutschland besucht und mit ihr durch Berliner Kneipen zieht, ist sie nicht überzeugt.

Ende 2014 ruft Faizel Deena wieder an, da ist sie gerade für ein paar Wochen in Kampala. Komm, lass uns ein Lied zusammen aufnehmen, sagt er. Auf Luganda. Gib mir eine Chance. Wenige Tage später treffen sie sich im Tonstudio. Das Lied schreiben sie an einem Abend. Sie kämpfen mit den Moskitos im Studio und mit Deenas Aussprache. Am nächsten Morgen, sechs Uhr, steht »Mumulete« »Bring ihn her«. Ein Liebeslied über eine Frau, die ihren Mann sucht. Etwas kitschig, etwas verzweifelt, der Sound: schnulziger Afropop. Deena freute sich über ihren ersten Song auf Luganda. Faizel über den Start einer Karriere.

Er schickt die Aufnahme per Whatsapp an Bekannte. Sie antworten: Das ist gut. Aber verarschst du uns nicht? Ist das hier kein zweiter Milli-Vanilli-Skandal? Singt die wirklich selbst? Da weiß Faizel: Es wird ein Erfolg.

Um in Uganda Geld mit Musik zu machen, muss man Konzerte geben. Es gibt keine Erlöse aus CD-Verkäufen, keine iTunes-Gelder, keine GEMA-Ausschüttung, keine Marketingartikel. Nur Liveauftritte bringen Gage, und auch für die muss man kämpfen. Man muss sich ein Image erarbeiten.

Der erste Schritt: ein Name. Wie ein Marketingexperte, der ein neues Auto auf den Markt bringen will, wählt Deena einen Künstlernamen. Viele Vokale soll er haben, in fast jeder Sprache der Welt auszusprechen sein. Ein internationaler Name. Deena ist geboren.

Der nächste Schritt: eine Legende. Faizel legt Profile auf Facebook und Twitter an, er schreibt: »The German diva that has dedicated her music career to making African Ugandan music in stricly Luganda, Kinyarwanda, Swahili and English as well.« Aus der bescheidenen Freiwilligen wird die deutsche Diva.

Der letzte Schritt: ein Video. Drei Tage dauern Dreh und Schnitt, dann stellen sie es online, abends gegen 19 Uhr. Am nächsten Morgen hat es 10 000 Klicks. Von jetzt an, sagt Faizel zu Deena, wird sich radikal dein Leben ändern. Keine 24 Stunden ist »Mumulete« online, da fragen TV-Shows nach Interviews.

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Deena wartet backstage auf ihren Auftritt in der Freedom City Mall. Links neben ihr steht Radio, einer der beiden Künstler des Afropopstarduos Radio & Weasel aus Uganda.

Radiostationen, die sonst ausschließlich englische Lieder spielen, legen Deenas Song auf. Musiksender wählen es für Wochen zum Song des Tages. Faizel bucht Konzert um Konzert, in kleinen Clubs, bei Festivals, auf Hochzeiten. Er treibt die Gagen hoch, von anfangs 300 000 Uganda-Schilling auf acht Millionen, von 81 Euro auf etwa 2200 Euro. Viel Geld für einen Auftritt in Uganda.

Und gleichzeitig beginnt auch der Teil des Ruhms, den man schwer kontrollieren kann. Eine Klatschwebseite zeigt Bikinifotos von Deena, ein Boulevardblatt dichtet ihr eine Ehe mit einem Videoproduzenten an. Wenn man Deena fragt, warum sie sich das antut, sagt sie: »Das ist eine Chance, die bekomme ich nur einmal. Ich wäre blöd, wenn ich die nicht nutzen würde.«

Ist es nicht ein komisches Gefühl, in Uganda als Weiße in einem so privilegierten Bereich wie der Musikszene arbeiten zu können? »Ja, klar ist es das«, antwortet Deena. »Aber warum soll ich es nicht machen? Ich möchte schließlich etwas ändern. Ein paar Leute in Deutschland behaupten, ich würde die Kolonialgeschichte wiederholen, weil ich hier Karriere mache. Aber bislang hat sich kein Ugander beschwert. Ich bin einfach anders, ich werde hier nie jemanden verdrängen.«

An einem verregneten Morgen, der Videodreh ist vorbei, Song Nummer drei kurz davor, veröffentlicht zu werden, an diesem Morgen also geht Deena durch einen Slum von Kampala. Bei jedem Schritt schmatzt der Schlamm unter ihren Füßen. Auf dem Rücken ihre Gitarre, das Gesicht müde. Eher Berliner Studentin als »German diva«.

Ihr Pflichtpraktikum hat Deena nach Kampala gelegt, um all das zu schaffen, was ihr wichtig ist: Helfen und Studieren und Popstar sein. Ein paar Tage pro Woche arbeitete sie in einem Kinderheim mit Musikschwerpunkt. Sie nennt es »das Projekt«. Spricht sie von »meiner Arbeit«, meint sie die Musik.

Heute will sie ein weiteres Hilfsprojekt besuchen, das Straßenkindern zweimal die Woche Unterricht gibt: Es geht um Life-Skills; dazu werden Wunden versorgt, Frühstück und Mittagessen verteilt. Sie ist zum ersten Mal hier, sie würde gern einen Chor gründen. Ein ugandischer Sozialarbeiter führt sie in den Unterrichtsraum: Sitzbank an Sitzbank, eine Tafel und etwa fünfzig Jungs, die sich balgen, die schreien, die durch den Raum rennen. Einige blicken apathisch aus dem Fenster, schnüffeln heimlich Klebstoff. Der Sozialarbeiter stellt Deena vor, seine Stimme tief und dröhnend, sie bringt die Menge zum Schweigen.

Deena will »Mumulete« mit den Kindern singen. Sie legt los. Und erlebt das Übliche. Eine Weiße, die auf Luganda singt? Die Jungs lachen ungläubig. Sie jubeln. Schnell werden sie unruhig. Nach zwei Liedern bricht Deena ab. Ihre Stimme ist zu leise, die Akustik im Raum zu schlecht, die Gruppe zu groß. Sie fragt, wer mit ihr in einem Chor arbeiten will. Etwas zwanzig Jungs melden sich. Also dann, beim nächsten Mal.

Sie will wiederkommen, sie will das durchziehen, so lange es eben geht: das Helfen und Studieren und Popstar sein. Und wenn es nicht mehr geht, unterbricht sie vielleicht das Studium, sagt sie, aber sicherlich nicht die Karriere. Und auch nicht das Helfen. Denn wer weiß, was noch kommt.

Im Kinderheim, in dem sie sonst arbeitet, erzählt sie, hat sie ein Lieblingskind. Einen Jungen, etwa sieben Jahre, er sei der frechste von allen. Man weiß nie, was er vorhat, sagt sie. Das gefalle ihr.


Dieser Text ist in der Ausgabe 01/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

Christopher Piltz
Christopher Piltz gründete mit elf Jahren sein erstes Magazin. Die Auflage: fünf Hefte. Seitdem lässt er sich von den ganzen Diskussionen um Auflagenverluste nicht irritieren.
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